Barclay James Harvest

Woolly Wolstenholme Interview, November 1988


Dieses Interview wurde von Keith Domone für das offizielle BJH Fan Club Magazin Nova Lepidoptera geführt und erschien zum ersten Mal in Heft Nr.3 von NL im November 1988.

Englischer Originaltext


Woolly at home in 1988 NL: Kannst Du Dich an Deine frühesten musikalischen Erfahrungen erinnern?

Woolly: Eine Riesensammlung von Schellack-Platten, die mein Vater hatte; ein paar davon liegen noch bei mir herum, aber ich spiele sie nicht, weil ich meine, die 30er Jahre waren die 30er Jahre, und dabei sollte man es auch belassen; Banjo, ich sammelte etwas Erfahrung in einer Blaskapelle, und das war's eigentlich. Dann kamen natürlich später die Beatles, und jeder wollte in einer Gruppe spielen. Der Blues, nur weil er der musikalische Stil dieser Zeit war - ich nehme an, es war wichtig, aber wenn es Jazz gewesen wäre, dann hatte ich vermutlich das gemacht.


NL: Wie steht's mit klassischer Musik?

Woolly: Da war nichts, bis ... Nun, a1s ich noch zur Schule ging. Wir hatten einen Musiklehrer, der Gilbert and Sullivan sehr mochte, das war alles, was wir lernten. In jeder Stunde kam Nanki-Poo dran, und wir mußten uns dafür begeistern, deshalb hasse ich jetzt Gilbert and Sullivan. Außerdem natürlich das übliche Repertoire; in meinem Leben tauchten die Planeten (Holst) auf und vielleicht etwas Tschaikovski. Sagen wir mal, ich wußte wie es klingt, ohne Näheres darüber zu wissen.


NL: Beginnen wir mal bei den Sorcerers, kannst Du Dich daran erinnern, wann Du John zum ersten Mal begegnet bist?

Woolly: Laß' mich mal nachdenken. Er begegnete mir zum ersten Mal auf der Kunstschule, er war da vor der Musik, wenn Du weißt, was ich meine. Er war in einer Art Gruppe, in die ich dann mit reingezogen wurde a1s eine Art Tambourinspieler und Sänger, und wir machten ein paar Sachen wie Talentwettbewerbe im Empire Theatre in Oldham. Manche verließen die Gruppe, die damals die Sorcerers waren, andere kamen hinzu, und wir wurden "The Keepers". Heart And Soul And The Wickeds war die Band von Les und Mel, und John wollte zu ihnen, aber er sagte - ich weiß nicht, ob ich ihm dafür dankbar sein soll oder nicht! - "Ja, aber wenn Ihr mich nehmt, dann muß er auch mitmachen. So etwa, "meinen Lieblingsidioten müßt Ihr auch mitnehmen!" Also kamen wir beide zu dieser Gruppe, die zu dieser Zeit aus sechs Leuten bestand. Von da an war es gerade so, wie es die Geschichte geschrieben hat, Ruhm, Reichtum und Alter!


NL: Warum habt Ihr Euren Namen von Blues Keepers in BJH geändert?

Woolly: Die Sorcerers wurden, als sie auseinanderbrachen, zu den Keepers; weil es eine neue Gruppe ist, ändert man den Namen. Als wir Blues spielten, wurden wir zu den Blues Keepers, und als wir auf die Farm in Diggle zogen, und schon das spielten, was Traffic später brachten (es tut mir leid, aber das muß mit rein!), war es nicht mehr dieselbe Band, also mußte etwas Neues her. Ich weiß eigentlich nicht mehr, woher der Name kam, er kam über viele Umwege zustande. Wir machten alle möglichen sonderbaren Dinge, wie etwa Namen aus einem Hut zu ziehen. Zu dieser Zeit lag es auf der Hand: Als die Flower-Power Epoche anbrach, konnte man sich nicht "die Blues" irgendwas nennen, wenn man nicht die "Moody Blues" war, und sie erreichten sowieso nicht viel!


NL: Warum hast Du Dich auf Keyboards spezialisiert - war das Absicht?

Woolly: Nein, Nein, ich machte alles und konnte nichts richtig! Ich fing als Sänger und Tambourinspieler an, dann spielte ich Mundharmonika - es gab zu wenig schwarze, blinde Harmonikaspieler in 0ldham, und es gelang mir, diese Lücke zu füllen! Dann kam der Folk-Rock, und ich spielte 12-saitige Gitarre und danach kam ich durch das Mellotron zu den Keyboards. Bis zum Ende spielte ich noch immer Gitarre und immer noch Harmonika - ich spielte sie bei "Streets of San Francisco" - also waren all die Dinge, die ich irgendwann mal gemacht hatte, nützlich. Es gab auch diese andere Sache, an die ich mich erinnere, daß wir innerhalb der Gruppe unser kleines Orchester hatten, wo Les Cello spielte und Mel Glockenspiel, als wir unsere mittelalterlichen Auftritte machten. Ich spielte Tenorhorn, weil ich das in der Blaskapelle getan hatte, und John hatte eine Oboe und spielte Saxophon. Ich meine, keiner konnte es richtig, seien wir ehrlich, aber wenigstens war der Grundsatz da, alles auszuprobieren.


NL: Einige frühe Berichte bezeichnen Dich als den Frontmann der Gruppe ...

Woolly: Ich redete früher mehr, weil ich damals nicht so ein Säufer War. Wenn irgendjemand am Morgen in einem vernünftigen Zustand war, war ich es! John redete überhaupt nicht; tatsächlich sang er am Anfang auch nicht. Deshalb wurde beim meisten Material der Anfangszeit mein Gesang in den Vordergrund gestellt, und dann, nach und nach, als entweder das Selbstvertrauen der Leute wuchs oder sie sahen, wie schlecht ich meine Sache machte, beschlossen sie, es selbst zu machen! Ja, es ist einfach passiert, daß ich in den Vordergrund geschoben wurde, ohne der Frontmann zu sein.


NL: Welche Begleitumstände brachte die Südafrikatournee mit sich?

Woolly: Es gab keine, bis wir zurückkamen. Wir gingen dorthin, machten ein paar schlimme Sachen, wie z. B. mit dem Symphonieorchester von Durban zu spielen, und es war nichts dabei. Publikum ist Publikum, ich glaube nicht, daß sich jemand um dessen Hautfarbe gekümmert hat. Ich glaube, Shirley Bassey ist vor mehr Leuten in nach Rassen getrennten Hallen aufgetreten, und Cliff Richard war bestimmt schon tausend Mal dort unten. A1s wir zurückkamen, wollten uns die Radikalen an der Universität von Leeds in die Colleges holen. Wir traten auf, und die Leute mußten durch eine Reihe von Wachtposten, um reinzukommen, und dann bekamen wir per Telefon etwa fünf Bombendrohungen, und jedesmal mußten wir von der Bühne. Eine seltsame Show, bei der die Band nach jedem Stück von der Bühne geht.


NL: Aber hat Dich diese Reaktion überrascht?

Woolly: Nun, schon etwas, besonders wenn man bedenkt, was andere machten, und ihnen passierte nichts. Da wir nur als kulturelle Erfahrung zu Besuch waren, rechtfertigte das diesen Angriff nicht.


NL: Aber es ist nicht die Frage Eurer Bedeutung, geht es hier nicht um's Prinzip?

Woolly: Nun gut, wenn es in Ordnung war, uns anzuprangern, warum haben sie das dann mit anderen nicht auch getan? Es geschah nur deshalb, weil wir eine Collegeband waren. Wir waren naiv - damals wußten wir von all dem nichts, wir wollten nur in irgendeinem komischen Land ein paar Mal auftreten, und dann kommt man nach Hause, und es ist, als ob die Hölle los ist. Ich weiß immer noch nicht richtig, was mit Südafrika werden soll - darüber weiß ich nicht Bescheid.


NL: Auf "Baby James Harvest" hast Du "Moonwater" Gustav und der Gräfin gewidmet. War damit Mahler gemeint?

Woolly: Ja, und die Gräfin war eine Polin, die bei einem Verlag in London arbeitete - sie war eine richtige Gräfin. Ja, "Moonwater" war eines jener Dinge, wo ich alles monatelang auf einem Klavier oder einer Orgel einstudierte und dann ins Studio ging und ein Demoband davon machte. Davon ließ ich zwei Probepressungen machen, die ich Martyn Ford und John Dell gab, und sie gingen hin und ruinierten .. äh, machten daraus eine Orchesterfassung. Technisch ist es in Ordnung, aber im Vergleich zu dem, was ich auf meinem Demoband zu hören glaubte - ein schlechter Klang, verstimmte Instrumente und nicht getroffene Töne - auf meinem Demo war es wesentlich besser. Es sollte sich eher nach Sphärenmusik anhören und nicht nach der Black Dyke Mills Band!


NL: Was passierte, als EMI BJH den Vertrag kündigte?

Woolly: Wir hatten zwei Manager, die die Nachfolger von John Crowther waren. Sie Waren ehemalige Sozialangestellte, die sich als The White Agency selbständig gemacht hatten und außerhalb Manchesters arbeiteten. Sie waren mit den Bedingungen von EMI nicht einverstanden und wollten, daß EMI uns den Vertrag kündigt, damit sie etwas anderes machen konnten. Was sie auch immer vorhatten, es hat natürlich nicht funktioniert, weil wir uns, sobald wir keine Auftritte mehr bekamen und kein Studio mehr hatten, dachten, nun, wir machen uns besser aus dem Staub. Also hatten wir dann kein Management mehr; keine Plattenfirma, keine Agentur, und es standen noch einige Auftritte aus - anderthalb Jahre später mußten wir sie für eine geringere Gage nachholen und wir bekamen sowieso nur 75 Pfund dafür, also traten wir für 50 Pfund auf, nur um den Vertrag zu erfüllen. Dann bekamen wir einen Vertrag bei Kennedy Street in Manchester, sie schlossen ihrerseits einen Vertrag bei Polydor ab, und es lief wieder was. Es war eine Art weitreichendes Vertragswerk gewesen, glaube ich, mit dem wir nicht unbedingt einverstanden waren, und deshalb gingen wir von EMI weg; es endete damit, daß wir jahrelang auf dem Abstellgleis waren.


NL: Während Ihr in Amerika "Time Honoured Ghosts" aufgenommen habt, seid Ihr dort irgendwo aufgetreten?

Woolly: Nein, das war ein weiterer riesengroßer Reinfall! Einer in der Band meinte wohl, es konnte eine Art zusätzliche Energiedosis sein oder was auch immer, wenn wir in die Staaten gehen und dort ein Album aufnehmen würden. Also machten wir das, und mir gefiel das eigentlich nicht. Die Lässigkeit von Neil Young und über den Dingen zu stehen, war an der Tagesordnung, und ich muß zugeben, man fühlte sich auch ein wenig so, aber wir machten keine englische Musik, daher erschien es mir wie eine Verschwendung, ein vorhandenes Hilfsmittel zu haben und dann zu versuchen, etwas anderes damit zu machen. Wir gingen noch mal in die USA mit der Idee, eine zweite LP mit Elliot Mazer aufzunehmen, und wir machten danach auch eine kurze Tournee; eine weite Reise, aber nur wenige Auftritte - und dann gingen wir nach San Francisco und saßen herum und warteten, daß etwas passierte. Es passierte nichts! Wir kamen nach Hause, und wir sagten "Wir müssen ein Album aufnehmen", so kamen wir in die Strawberry Studios. Wir gingen von Los Angeles geradewegs nach Stockport!


NL: Also war es wahrscheinlich während diesem zweiten Aufenthalt, daß ihr mit David Soul ins Studio gegangen seid?

Woolly: Ich glaube, es war 1975, als wir unser erstes Album aufnahmen; er nahm gerade den Song "Black Bean Soup" auf, und wir sangen "soup, schloop, soup, schloop! Wir dachten, nun, wir haben das ohne Bezahlung gemacht, also werden wir wenigstens auf dem Cover der LP erwähnt, und sie erschien und darauf stand "Hintergrundstimmen: The persuasions und alle anderen"!


NL: Wann bist Du zum ersten Mal Davy Rohl begegnet?

Woolly: Im Zug. Er kontrollierte die Fahrkarten - nein, das tat er nicht! Wir kamen aus London, nachdem wir "I'm Over You" oder so etwas aufgenommen hatten. Wir trafen ihn im Zug, und dadurch machten wir ein paar Dinge in den Indigo Studios in Manchester, und als wir "Octoberon" aufnehmen sollten, hatte er sich bei Strawberry eingenistet.


NL: Wie entstand die Mandalaband LP "Eye Of Wendor"?

Woolly: Da Davy "The Eye Of Wendor" aufnehmen wollte, mußte er gleichzeitig Tontechniker und Produzent sein, weil das bedeutete, daß er alles kostenlos machen konnte, und er mußte in einem Studio arbeiten, was bedeutete, daß er alle Zeit hatte, die er haben wollte, es war billig, und er hatte viele Musiker zur Verfügung, die nichts kosteten. In NL stand einmal, daß das Projekt wahrscheinlich so teuer war, daß man es nicht fortsetzen konnte, aber das war nicht der Fall - billiger hätte es keiner machen können, weil alles kostenlos war. Ich überspielte mit dem Keyboard Stellen, an denen Streichinstrumente vorgesehen waren, verstärkte Stellen, wo Blasinstrumente zum Einsatz kamen, und steuerte meine Ideen für Arrangements bei. Ich dachte sogar, ich wurde "Florian's Song" singen, aber Justin (Hayward) sang es. Bei einigen Songs spielten Sad Café mit, und später verschwanden die Musiker von Sad Café einer nach dem anderen, und stattdessen kamen Graham Gouldman und alle von Barclay James Harvest, und dann wurde einer von uns durch Eric Stewart abgelöst - ich glaube, wenn Stevie Wonder in der Stadt gewesen wäre, hatte man uns alle nicht mehr gebraucht, oder?


NL: Als "The Talking Parcel" erschien, gab es Gerüchte über eine LP mit Instrumentalmusik. Ist daraus jemals etwas geworden?

Woolly: Nein. Wenn es so gewesen wäre, wie bei Camel, als sie "The Snow Goose" machten, waren wenigstens Camel darauf zu hören; wenn man an "The Talking Parcel" denkt, ist darauf eigentlich niemand zu hören. Es gibt keine Band, und auf "The Eye Of Wendor" war auch keine Band, es war eine Frage davon, wer am besten und am billigsten war und wer damals gerade da war. Also gibt es eigentlich keinen Grund für eine längere LP, wenn man die Besetzung ändert.


NL: Als Ihr mit den Aufnahmen zu "XII" begonnen habt, am Anfang mit Davy Rohl - warum habt Ihr ihn rausgeworfen?

Woolly: Wir hatten eine Einleitung für unsere Bühnenshow, bei der Mel Rototoms spielte, und wenn Ihr Euch die Nummer "The Tempest" auf "The Eye Of Wendor" anhört, sind dort auch oft diese Rototoms zu hören, genau dasselbe Stück! Das war wirklich der Gipfel; er hatte offensichtlich beschlossen, daß sein Soloprojekt wichtiger war, als die Arbeit mit uns. Damals war Martin Lawrence gerade frei und er wurde praktisch da mit reingezogen und stellte das Album fertig. Ich glaube im Grunde nicht, daß das etwas an "XII" änderte - die LP war fast genauso wie sie gewesen wäre, wenn Dave sie gemacht hätte.


NL: Nur interessehalber, bei unserer Meinungsumfrage wurde "XII" auf den fünften Platz der besten BJH LPs gewählt.

Woolly: Darauf sind ein paar sehr schöne Titel, die LP hat sehr viel Charakter. Darauf sind "The Closed Shop", das ich sehr mag und "Streets Of San Francisco". Es gibt darauf einiges interessante Material und ich glaube, das ist der Grund, warum sie beliebt ist.


NL: Und trotzdem hast Du Dich kurz danach dazu entschlossen, BJH zu verlassen. Warum?

Woolly: Ich glaube im Grunde kam da alles zusammen; es ist nicht immer leicht, Dinge aufrechtzuerhalten. Wenn man ein gewisses Niveau erreicht hat, und ich glaube sicher, daß "Gone To Earth" und auch teilweise "XII" gute Sachen waren. Danach gerieten wir in Hektik, um das Material für das nächste Album zu produzieren, ich meine, wir haben nur leeres Stroh gedroschen. Ich war nie mit meiner Rolle innerhalb der Band zufrieden - ich fühlte immer, daß ich entweder versuchte, alte Wertmaßstäbe in der Musik aufrechtzuerhalten, etwas, das klassisch und englisch klingt, oder auf der anderen Seite fühlte ich mich als Hindernis. Ich hinderte Leute daran, zu tun, was sie offensichtlich tun wollten; also mehr nach West Coast Musik zu klingen oder was immer. Also fingen wir an, zu proben und, begannen bei "Capricorn" oder irgendeinem Song, und dann ... mir platzte einfach der Kragen, alles erschien mir so sinnlos. Vielleicht gab es etwas, das sich in mir schon eine Zeit lang aufgestaut hatte, und ich war einfach nicht mehr bei der Sache. Während der ungefähr zwölf Jahre, in denen ich in der Band war, wurde ich mehrere Male auf die Probe gestellt. Wir hatten immer Höhen und Tiefen, aber plötzlich wurde es zuviel, es wurde zu einem Alltagsjob, ich wollte einfach nicht mehr weitermachen.


NL: Welche songs hattest Du für die Nachfolge-LP zu "XII" vorgeschlagen?

Woolly: "Lives On The Line" "A Prospect Of Whitby" - "Maestoso: A Hymn In The Roof Of The World" gab es sicher schon seit 1973, und die Songs waren eigentlich für "Time Honoured Ghosts" vorgesehen, aber sie kamen nicht an, und ich hatte viele Songs wie "White Sails", "Gates Of Heaven" und "American Excess".


NL: "White Sails" - war das nicht schon etwa 1970 da?

Woolly: Es ist ein Stück für Orchester, ja, ich hatte es auf "Once Again" haben wollen. Es gab ein paar solche Songs. Wenn man weitermacht, findet man Dinge, die manchmal fünf Jahre alt sind, und man sagt, nun, das ist das Beste, was dieses Mal dabei herausgekommen ist. Und alle diese Nummern lagen bei mir herum, davon wäre jede für eine LP gut gewesen. John hatte die Gelegenheit, seine Solo-LP zu machen, mit Titeln, die anderen Leuten nicht gefallen hatten, und ich bot eigentlich das an, was dann sicher zu einem Drittel oder zur Hälfte auf meiner Solo-LP war.


NL: Wie viele Songs wurden für eine LP vorgeschlagen?

Woolly: In meinem Fall vielleicht etwa acht bei der letzten LP und John hatte vielleicht zehn oder zwölf, viele davon hatte man schon gehört - er schrieb eine Menge, aber man mußte sie sichten, um einige davon wiederzuerkennen. Les hatte vielleicht fünf oder sechs, vielleicht mehr, also gab es viel Material, das man sich anhören mußte, und am Ende mußten wir vier Songs von John, vier von Les und zwei von meinen aussuchen oder eine andere Zusammenstellung, nur um das Gleichgewicht zu halten. Manchmal spielte ich nur einen Song vor, und der wurde zum "Woolly Song" - ich erinnere mich daran, daß ich diesen Song "Open" vorspielte, der fast wie Kirchenmusik klang, und der Kommentar dazu war nicht "toll" oder "schwach" oder sonst was, es hieß nur "klingt nach Woolly"!


NL: Warst Du jemals fest davon überzeugt, daß ein bestimmter Song von Dir auf einer LP sein sollte?

Woolly: Sicher. Ich meine, du bietest sechs deiner Songs an, und danach kommst du dir vor wie beim Grand Prix Eurovision; du bist schon zufrieden, wenn du auf dem dritten Platz landest, auch wenn dein bester Song überhaupt nicht angekommen ist, weil du sechs Songs geliefert hast und nur zwei davon angenommen werden, also ist man damit zufrieden. Ja, da gab es Dinge, die ich auf der LP haben wollte, aber die wurden zurückgestellt, vielleicht für eine spätere Idee, oder ich nahm sie wieder mit und schrieb sie manchmal um, machte sie schneller oder langsamer, veränderte die Tonart - ich machte alles damit, wenn ich glaubte, daß man sie weiterverfolgen sollte, daher kam für die Songs nie das Aus.


NL: Kamen Songs von John oder Les jemals auf LPs, wenn Du dagegen warst?

Woolly: Was die Songs von anderen Leuten betrifft, versuchst du, zu ihnen so fair zu sein, wie sie zu dir waren. In einer Gruppe, in der drei Leute Songs schreiben, findet wirklich jeder seinen Platz und schreibt seine eigene Musik, und wenn man Glück hat, gibt es auch genügend andere Einflüsse, nicht nur was das Spielen betrifft, sondern auch was die Anerkennung betrifft, um die LP ausgewogen zu machen. Einige Songs habe ich wohl nicht gemocht; es gibt Songs, vor denen man sich verstecken sollte, aber zum Glück dauern sie ja nur drei oder vier Minuten!


NL: Nun zu Deiner eigenen LP - handelte "Sail Away" davon, BJH zu verlassen?

Woolly: Ja. Tatsächlich war das Grundthema auf diesem Album die Abschiedsstimmung, obwohl vieles schon vorher geschrieben wurde. Nun, "Patriots" handelt nicht davon, es wurde speziell für das Album geschrieben und handelt nicht von der Band, aber "Sail Away" handelt davon und "Waveform" auch. Sie zeigen die beiden Extreme der Sache; der eine Song sagt, wenn man ihn sich anhört, "ich wache auf und das Leben als Musiker ist toll und alles ist einmalig" und beim anderen Mal ist es einfach schrecklich und hat allen Glanz verloren, und es stinkt einem entsetzlich und man denkt plötzlich, nun, vielleicht gibt es noch etwas anderes dort draußen, und dann hat die Welt ein freundlicheres Gesicht.


NL: Bist Du gerne im Vorprogramm von Judie Tzuke aufgetreten?

Woolly: Ja, das war wahrscheinlich einer meiner besseren Entschlüsse, nachdem ich die Band verlassen hatte. Es machte Spaß, es war so, wie eine Tournee sein sollte. Natürlich war es finanziell reine Zeitverschwendung, und dann machte ich den Fehler, mit Saga auf Europatournee zu gehen, was noch mehr Geld kostete und nur etwa 1% des Vergnügens brachte. In Wien räumten wir wirklich ab, wir stahlen ihnen die Show - es ist für Vorgruppen sehr schwer, die Top-Band auszustechen, weil sie einem meistens die Bässe abschalten und sich die Show dann sehr schwach anhört! Aber wir hatten es geschafft und wir hatten dorthin zurückkehren können, aber bei jeder Tournee, die ich machte, gab es keine neue LP, und wenn eine neue LP herauskam, gab es keine Tournee, also war das ganze völlige Zeitverschwendung. Spätestens damals, glaube ich, hat man mir den Rock and Roll für immer ausgetrieben, obwohl wir zurückgekommen sind, und ich gezwungenermaßen ohne Interesse weitermachte.


NL : War es schwer, wieder im Vorprogramm aufzutreteten, nachdem Du so lange Zeit in einer Topgruppe gespielt hattest?

Woolly: Es war schwer in doppelter Hinsicht, weil es ja heißt, man könne die Zeit nicht zurückdrehen, und obwohl Jill Managerin und Mutter für die gesamte Tourneemannschaft war und ich dadurch von einer großen Last befreit wurde, war ich es, der die Rechnungen zu bezahlen hatte, ich war die treibende Kraft bei dieser Unternehmung, also hatten die Leute, die mit mir reisten, nicht die gleichen Erwartungen wie ich, jedenfalls glaube ich das nicht. Sie waren mit jemandem auf Tournee, der versuchte, einen früheren Erfolg zu wiederholen oder wenigstens zwölf Jahre zurückzugehen, als für mich alles anfing, und natürlich hatte sich die Welt inzwischen verändert.


NL: Glaubst Du, daß aus Maestoso eine ständige Band geworden wäre, wenn diese erste LP erfolgreich gewesen wäre?

Woolly: Nun, nicht nachdem Steve (Broomhead), der Gitarrist, uns verlassen hatte. Ich kenne Leute, die jetzt in Bands spielen; in einer Woche spielen sie in dieser Band, und dann gehen drei Leute weg und gründen eine andere Band, und die Geschichte von Barclay James Harvest war genauso, es gibt nichts Dauerhaftes, solange man nicht verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen hat. Ich erwartete, daß ich ein paar Leute, die ich mochte und die gute Musik machten, zusammenbringen konnte, und ich erwartete auch, daß es etwas von Dauer sei, aber so funktioniert das nicht.


NL: Hattest Du das Gefühl, daß für "Maestoso" nicht genügend Werbung gemacht wurde?

Woolly: Ja, als wir auf Tournee waren, konnte man vielleicht verstehen, daß sich nichts tat, und auf der Europatournee hatte ich das Gefühl, daß wir hätten umkehren sollen, wodurch ich viel Geld gespart hätte. Ich war bei Polydor Deutschland unter Vertrag, nicht bei Polydor England, und sie taten alles, was in ihrer Macht stand, um mich zufriedenzustellen; ich glaube, vielleicht haben sie viel Arbeit investiert, aber letztendlich hatten sie dennoch beide Gruppen unter Vertrag, und BJH verdienten das meiste Geld. Ich meine, ich und meine Musik oder das "Berlin"-Album? Da gibt es im Grunde eigentlich keine Wahl, oder? Und ich erwartete 50.000 verkaufte Exemplare, und in Wirklichkeit waren es nur etwa 12.000, irgend so etwas Dummes. Wären es 50.000 gewesen, hätten wir eine zweite LP gemacht, und wer weiß, was danach passiert wäre? Aber nach der ersten LP War Schluß, und zur etwa selben Zeit, als mir das Geld ausging, verlor ich zum Glück auch das Interesse daran.


NL: Warum wurde die Single "Gates Of Heaven" nicht veröffentlicht?

Woolly: Wer weiß?


NL: War die Version auf der Single anders?

Woolly: Nein, es war dieselbe. Nur die B-Seite war verschieden, "All Get Burned", das es sonst nirgendwo gab. Es war von jeher als neuer Song für die andere Seite der Single vorgesehen, daher war es auf keiner LP oder sonstwo.


NL: Warum hast Du beschlossen, Dich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen?

Woolly: Willst Du alles wissen? Die Gruppe habe ich verlassen, weil ich nicht damit zurechtkam, oder ich wollte damit nichts zu tun haben, was nicht bedeutete, daß ich nichts mehr mit Musik zu tun haben wollte; ich hatte immer noch viel zu sagen. Aber wenn man Songs schreibt, hat man Termine einzuhalten, man hat Gründe, Dinge zu tun, man muß nach einem Plan arbeiten. Wenn jemand sagte "Ihr müßt eine LP machen" oder "wir gehen in einem Monat ins Studio", schrieb ich Songs. Es würde wahrscheinlich aus mir hervorbrechen, weil ich jenseits dieser vier brüchigen Wände (schreib das ruhig, dann schicken mir die Leute Geld) meine Musik nirgends anbringen kann, ich habe keinen Grund, neue Songs zu schreiben. Ich habe genug Musik geschrieben, um daraus eine LP zu machen; ich muß keine LP machen, also schreibe ich auch nichts mehr, es ist eine Sache von Angebot und Nachfrage.


NL: Nachdem Du die Band verlassen hattest, hast Du ihre Arbeit weiterverfolgt?

Woolly: Wir hatten keine Wahl. Ich ging zum Beispiel für irgendein Konzert nach Deutschland, und wir wohnten in diesem kleinen netten Hotel, und ich schaltete den Fernseher an, und in den Nachrichten brachten sie etwas über die Band - das Ganze war wie eine unglückliche Liebe. Zuerst war es so, daß ich sagte "da stimmt doch etwas nicht, warum bin ich nicht dabei?", aber das legte sich mit der Zeit.


NL: Was hältst Du von ihren LPs, seit Du nicht mehr dabei bist?

Woolly: Ich weiß nicht, ich habe sie mir nicht angehört.


NL: Hörst Du irgendwelche moderne Musik?

Woolly: Ich mag immer noch solche Dinge wie UK, die Platten, die ich mir anhörte, als ich noch Musik machte. Ich mag teilweise auch INXS, manchmal sind sie sehr gut ... Billy Joel ...

Jill: Er hört Peter Gabriel ...

Woolly: Nein, ich höre mir die LP nicht mehr an, ich habe sie satt; ich meine, er sollte eine neue machen.

Jill: Im letzten Jahr hat er sich Peter Gabriel, UK, Eric Clapton, Nik Kershaw, die Dire Straits ... angehört.

Woolly: Nein, die Dire Straits mag ich nicht!

Jill: Du mußt sie Dir anhören, weil ich es tue!

Woolly: Oh ja, ich bin im selben Zimmer, und das ist aber auch schon alles, was daran gut ist!

Jill: Die letzte Single, die wir gekauft haben, war "Relax".

Woolly: "Relax" von Max Bygraves - "Relaxalongamax"!!


NL: Welcher Augenblick mit BJH war für Dich der beste?

Woolly: Ich mochte es, mit dem Orchester auf der Bühne zu stehen - es war phantastisch, als es funktionierte. Wenn man auf der Bühne steht und zu viert ist und für sein Leben spielt, und die Menge "Yeeaaah" schreit, wird man wichtiger gemacht als man ist, aber wenn man mit einem Orchester spielt, ist man nur ein kleiner Teil des ganzen Ereignisses, und das tat mir gut. Außerdem haben die guten Dinge mit gelegentlichen brillanten Momenten auf der Bühne zu tun - wenn etwas einfach gut klingt oder man einfach ein gutes Gefühl bei einer Sache hat.


NL: Hast Du einen Lieblingssong unter all denen, die Du geschrieben hast?

Woolly: Meine Songs? ... Nein. Nur weil ich unterschiedliche Songs schreibe, ich habe die kleinen Stücke, es sind Sachen Wie "The Iron Maiden" und "A Prospect Of Whitby", und dann gibt es die längeren von Beklemmung beherrschten Stücke wie "Patriots". Ich kann sie nicht miteinander vergleichen. Ich mag "Sea Of Tranquility", ich glaube nicht unbedingt wie es klingt, aber ich mag die Art, wie es geschrieben ist.


NL: Wenn Du alles noch mal machen könntest, würdest Du irgendetwas anders machen?

Woolly: Ich würde mir wahrscheinlich frische Socken anziehen! Nein, nicht in der Zeit, wo es passierte. Ich wurde wahrscheinlich das anders machen, Was ich nach BJH getan habe, nicht wegen der Musik, nicht weil ich es nicht mochte, Leute kennenzulernen und andere Sachen zu machen, aber weil ich denke, das es Zeitverschwendung und rausgeworfenes Geld war. Ich glaube, daß man nicht sagen kann "Ich mochte die Zeiten, als es uns gut ging, als wir tolle Shows machten und eine Menge Geld verdienten, ich hasse die Zeiten, als es uns dreckig ging, wir schlechte Auftritte hatten und überhaupt kein Geld hatten!", weil diese Dinge alle mit dazu gehörten. Also wurde ich nichts andern, ich glaube nicht.


NL: Zum Schluss, glaubst Du, es gibt eine Chance, daß "Maestoso" jemals neu erscheinen wird, oder daß Du eine neue LP herausbringen wirst?

Woolly: Nur, wenn Du das machst! Wie war's damit?


NL: Das reizt mich schon! O.K., das ist alles - vielen Dank.


Übersetzung: Dagmar Müller


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