Barclay James Harvest

Mel Pritchard Interview, Juli 1998


Dieses Interview wurde von Keith Domone für das offizielle BJH Fan Club Magazin Nova Lepidoptera geführt und erschien zum ersten Mal in Heft Nr.42 von NL im September 1998.

Englisch


NL: Zuerst die Frage über das River Of Dreams-Album: Gefiel es Dir so, wie es herauskam?

Mel: Ich finde es so gut wie alles, was wir gemacht haben, ich finde es sogar in mancher Weise besser als einiges, was wir in der Vergangenheit gemacht haben. Ich muß sagen, daß es etwas länger als erwartet dauerte, aber das kommt halt vor. John hatte schon seinen Urlaub gebucht und all’ sowas. In Sachen Sounds und Songs insgesamt gefiel es mir, ja. Ob die Songs nun genau so herauskamen wie beim Schreiben erwartet, kann ich Euch nicht sagen, aber in meinen Ohren klingen sie alle gut. Es ist ein schönes Barclay James Harvest-Album - es hat alles von Rock ‘n’ Roll bis zur Melancholie und alle Zwischenstufen.


NL: Hast Du irgendwelche Lieblingssongs auf dem Album?

Mel: Ich mag “Three Weeks To Despair”. Ich weiß, es ist kein so positives Thema, aber es war die Art, wie es zustandekam - der Rhythmus-track ging ziemlich schnell, also gab es da nicht viele Anfangsprobleme - es schien irgendwie magisch zu sein. Wir alle wurden wohl gleichzeitig von der Muse berührt, und das zahlte sich aus. Auch der Song, gerade in unserer Gegend kann man solche Dinge ständig beobachten. Man sieht es jeden Tag, und es geht einem das Herz über. Es ist auch eine gute Überlegung zum Leben selbst.


NL: Warst Du überrascht, daß sich das Album nicht besser verkaufte?

Mel: Bei den letzten drei oder vier Alben fand ich immer, daß sie es besser hätten haben sollen. Ob es nun nicht genug Livearbeit gab oder die Promotion nicht gut war oder keine Single als solche drauf war, weiß ich nicht. Ich fand jedenfalls, daß es nicht an der Qualität des Albums lag.


NL: Warum, glaubst Du, ist das Album nicht in England oder Frankreich erschienen?

Mel: Da müßtet Ihr mit David (Walker) über die Verträge sprechen, aber wir haben einen Vertrag direkt mit Hamburg, wenn also die anderen Länder nicht mitmachen, dann kommt es dort nicht heraus. Man kann es nicht verlangen. Wir würden es sowieso nicht unter einer gewissen Qualität herausbringen. Wir haben das schon mal gemacht, daß wir ein, zwei Songs noch einmal überarbeiteten. Wir waren nie eine Band, die zwei Songs auf ein Album packt und den Rest dann ausstopft.


NL: Wie war die Tour in Deutsch-land und der Schweiz?

Mel: Großartig! Ich toure immer gern. Ich hätte nur gern mehr Gigs gespielt, denn wenn man erst einmal die Proben hinter sich hat und ein paar absolviert hat, dann ist man so richtig drin, und statt vier oder fünf Wochen hätten es ruhig acht, neun, zehn Wochen sein können. Erstens könnte man vor mehr Leuten spielen, dann wird man natür-lich immer besser, und es macht halt immer mehr Spaß. Wenn ich erst einmal in Tourstimmung bin, könnte ich einfach immer weitermachen. Dazu muß man aber auch bedenken, daß ich keine Familie habe. Für mich ist es so, daß ich auf Tour wieder zum Achtzehnjährigen werde. Innendrin bin ich achtzehn, aber ob mein Körper da mitmachen würde, weiß ich nicht!


NL: Wie lief es auf jener Tour innerhalb der Band ab?

Mel: Das Feeling ist immer gut. Wir kennen einander natürlich schon lange, wir kennen unsere Macken, also lassen wir einander genug Raum, wir wissen, wann jemand allein sein muß. Die Zeiten, wo man jeden Abend zusammen ausgeht und rumhängt, sind längst vorbei. Wenn wir natürlich einen Abend frei hatten, gingen wir schon alle aus und schwatzten ordentlich über alles, was so vor sich ging. Ich hatte noch nie Probleme mit der Moral! Wenn man mit soundsovielen Leuten auf Tour ist, ist immer irgendjemand nicht in der gleichen Stimmung wie man selbst, aber man braucht einander.


NL: Kannst Du uns sagen, wie es zur Entscheidung zur Pause kam?

Mel: Es ging mehr um John und Les, glaube ich. Ich sehe die Sache von drinnen, aber doch irgendwie draußen, und ich glaube, es ist eine Zeit, in der man prüft, in welche Richtung wir gehen sollen, statt einfach weiterhin Alben und Touren zu machen. Es wurde alles etwas flach. Der Gerichtsfall hat uns doch alle reichlich mitgenommen - im Nachhinein glaube ich, wir haben gar nicht bemerkt, wie sehr er uns mitnahm. Erst wenn man wieder an die Arbeit geht, merkt man, wie sehr man geschlaucht ist. Ich glaube, aus John und Les’ Sicht ist es eher ein Rückblick. Man sieht es aus erwachsener Sicht - es gibt keinen großen Streit, sondern man fragt: “Ist es das, was wir wirklich tun wollen, oder sollten wir uns eine Weile nicht treffen und sehen, was passiert?”


NL: Manche Fans befürchten, daß dies das Ende von Barclay James Harvest als solche sein könnte.

Mel: Von den Unterhaltungen, die wir hatten, hatte ich nicht das Gefühl, aber da ich auch durch dasselbe wie John und Les gegangen bin, das Gericht und die Alben, Produzenten finden, Tonings und all’ die Neben-sächlichkeiten, die dazugehören, Verträge abschließen und alles, da war es einfach wie “wir wollen jetzt erst mal Luft holen und sehen, ob wir überhaupt noch das Richtige tun”.


NL: Was sind Deine eigenen unmittelbaren Pläne?

Mel: Im Moment eigentlich nichts. Ich übe noch, ich setze mich noch ans Schlagzeug, aber ich kann mir nicht vorstellen, in einer anderen Band als Barclay James Harvest zu spielen. Bis etwas geschieht, weiß ich es nicht. Ich muß sehr bald etwas tun, aber ich möchte mich auch nicht zu sehr verstricken, für alle Fälle. Wenn wir das nächste Treffen haben und sagen “OK, jetzt geht’s wieder los”, dann möchte ich nicht irgendwo feststecken, so daß ich nicht dabeisein kann. Ich lasse mir einfach Zeit, alles gut zu durchdenken. Natürlich denke ich optimistisch über alles und hoffe, daß wir ausgeruht zusammenkommen und uns mehr für die Dinge begeistern können, und dann sehen wir weiter.


NL: Würdest Du gern wieder durch Großbritannien touren?

Mel: Ja, und ich weiß gar nicht, warum wir das so lange nicht getan haben. Es wäre wunderbar. Die Fans waren immer gut, und eins dürfen wir nicht vergessen: Hier haben wir einmal angefangen. Ohne die Leute in GB - ich sage ja nicht, daß sie noch immer da sind und uns mögen, [NL: Ich denke, schon!] aber ohne jene Stütze wäre die Band gar nicht durch ihre Anfangsjahre gekommen, um all’ das zu tun, was wir getan haben. So etwas vergißt man nicht. Immer wenn wir vom Touren reden, bin ich der Erste, der sagt: “Können wir nicht ein paar Daten in England haben?” Es ist, als wenn die Plattenfirma etwas nicht annimmt: wenn uns niemand Daten anbietet, dann können wir nicht viel tun. Das letzte Mal tourten wir durch die Universitäten, und ich fand es sehr erfolgreich. Ich dachte, wir kamen gut an, und erwartete dasselbe beim nächsten Mal, aber es wurde alles wieder still. Warum - je älter ich in diesem Geschäft werde, desto weniger verstehe ich es, leider...


NL: Wir haben schon gehört, daß John und Les Soloprojekte verfolgen wollen. Glaubst Du, daß Du in einem oder beiden eine Rolle spielen könntest?

Mel: Wenn sie fragen! Wenn sie einen Drummer brauchen und jemanden mit meinem Stil und meiner Technik suchen, würde ich es liebend gern tun. Sie wissen, daß ich immer zu haben bin. Wenn sie Probleme mit Drumsounds haben oder sie haben einen Drummer und wollen etwas erklärt haben, dann helfe ich gern. Wir sind doch noch gute Freunde! Ich würde einem oder beiden gern helfen.


NL: Wo wir schon bei Drumsounds sind: viele Fans haben gesagt, daß sie den Klang eines akustischen Drumkits lieber mögen.

Mel: Das elektrische haben wir genommen, als wir mit den Festivals anfingen, wo es einfach rein und raus geht. Wir hatten es auf dem Album benutzt, und es war relativ gut gewesen, und wenn man schnell wechseln muß und nicht weiß, welche Ausrüstung man bekommt - früher hatten wir unsere eigene Crew und unsere eigene PA, und wir hatten einen getrennten Mix für alles, aber heute läuft das so, daß man sehr schnell überwechseln muß. Alles wird digitalisiert, und man bekommt nicht mehr soviel Zeit für die Soundchecks. Wir dachten einfach, daß es sicherer wäre, die elektronisch digitalisierten Akustikdrums zu nehmen. Ich muß zugeben, daß man auf der Bühne sehr viel leichter damit umgehen kann, mit den elektronischen, aber was das allgemeine Feeling und den Klangumfang betrifft, habe ich mein Herz auf der akustischen Seite. Es gibt nichts, das den Klang eines akustischen Drumkits ersetzen kann. Man kann nur in kleineren Hallen die Lautstärke nicht so kontrollieren, und meine Kits wurden immer größer, weil wir in Stadien spielten, und dann mußten wir ein bißchen zurückstecken. Ich war mir nicht ganz klar, was ich tun sollte, und Martin (Lawrence) und ich sprachen darüber, und er fand es gut, weil er den Bühnensound wie auch den im Studio machte, so war es eine Art gemeinsame Entscheidung. Wenn es etwas gäbe wo man akusti-sche nehmen oder ich meine benutzen könnte, dann kann man auch die Snaredrum so stimmen, wie man sie haben will, nicht nur den Sound nehmen, den jemand mal irgendwann programmiert hat.


NL: Welches Kit benutzt Du im Moment?

Mel: Ich habe noch immer das von Pearl. Fragt mich nicht, welches Modell das ist! Im Studio nehme ich meist eine Mischung von einem alten ’57er Ludwig, das ich habe, und den neueren Pearl - Pearl Snaredrums. Wie gesagt, keine Ahnung, welche Modelle, also kann ich den Drumfans nicht helfen! Es ist eins der kleineren, eher auf der Jazzseite als auf der Rockseite. Ich habe zwei und natürlich das alte von Ludwig; die werde ich ewig behalten. Die gab’s schon in den ‘50s, frühen ‘60s, und irgendwie haben die so einen warmen Sound. Wie alles werden sie je älter, desto besser...


NL: Du sprachst von gemeinsamen Entscheidungen zum Drumkit und so. Wieviel Einfluß hattest Du auf den Sound des Endproduktes in den letzten Jahren?

Mel: Auf jeden Fall auf den letzten beiden Alben mit Martin. Bei Pip (Williams) wurde es uns zwar nicht aus der Hand genommen, aber es war keine so gemeinsame Sache. Bei den letzten in Johns Studio konnte ich hingehen wann ich wollte und den Sound elektronisch oder akustisch einrichten. Man kann einen Sound im Kopf haben, aber es gibt immer Kompromisse. Wenn man will, waren die Kompromisse eher auf meiner Seite. Ich bevorzuge die Heavy-Seite, aber viele der neuen Songs brauchen das nicht, sie brauchen den sanfteren, munteren Drumsound. Mein Einfluß auf den Sound war nie ein Problem - der Song selbst diktiert das. Wenn es zusammen gut klingt, dann ist das, weil diese Drums mit jener Gitarre, Orgel, Baß oder so gut klingen. Man darf nicht so dogmatisch sein.


NL: Als Nicht-Songwriter, gab es je Zeiten, wo Du lieber etwas mehr zur musikalischen Richtung, die BJH in all’ den Jahren einschlug, zu sagen gehabt hättest?

Mel: Nein, ich glaube nicht. Das war nie ein Problem. Ich wünschte, ich wäre ein Songwriter, denn ich habe so meine Ideen, aber sie sind im Kopf noch nicht fertig, wenn Ihr versteht, was ich meine. Es ist so, wie es sein sollte: wer den Song schreibt, hat immer das letzte Wort, in welche Richtung er gehen soll, und das muß ich respektieren - schon immer, von Anfang an.


NL: Irgendeine Nachricht an die Fans, die dies lesen?

Mel: Ohne all zu kraß und leichtfertig zu klingen: Noch einmal vielen Dank für all’ die Unterstützung. Ohne Euch wären wir gar nichts. Ich hoffe, Euch bald wiederzusehen, und ich würde Euch liebend gern in England sehen!


NL: Super, und wir möchten Dir für all’ die brillante Musik in all’ den Jahren danken und Dir viel Glück für Deine Zukunftspläne wünschen.

Mel: Danke. Es steht noch nichts am Horizont, aber ich bin bereit für alles, was passieren wird.


NL: OK, wir hoffen, Dich recht bald bei einem Gig zu sehen.

Mel: OK.


Zurück zur Archive Page
Zurück zur Home Page