Barclay James Harvest

Les Holroyd Interview, Juli 1998


Dieses Interview wurde von Keith Domone für das offizielle BJH Fan Club Magazin Nova Lepidoptera geführt und erschien zum ersten Mal in Heft Nr.42 von NL im September 1998.

englisch


NL: Zuerst wollten wir fragen, was Du jetzt gegenüber dem River Of Dreams-Album fühlst.

Les: In welcher Hinsicht: die Musik- Seite, was damit geschah, oder was nicht damit geschah?


NL: Die Musik zuerst.

Les: Ich bin nie zufrieden. Ich denke immer, ich hätte es besser machen können. Ich finde noch immer, es klingt recht frisch im Vergleich zu den letzten paar Alben, aber daß wir es hätten noch weiter bringen können, und ich persönlich finde, wir hätten es in einem anderen Studio aufnehmen sollen. Ich finde, wir hätten woanders hingehen sollen und uns völlig von allem Domestischen isolieren. Meiner Meinung nach sind die besten Alben die, die wir weit von zu Hause aufnahmen. Time Honoured Ghosts und ein paar der Alben, die wir in London aufnahmen, scheinen etwas zu haben, das die Alben, die hier oben aufgenommen wurden, nicht haben, und ich begründe das so, daß man zwei Hüte auf einmal aufhat. Es ist wie auf Tour - entweder ist man auf Tour oder nicht. Man geht nicht nach Hause, um den Rasen zu mähen!


NL: In den letzten Jahren schienen die Alben immer länger zu dauern; hat das auch damit zu tun?

Les: Ja, ich denke schon. Wenn man zum Beispiel ein teures Studio mieten muß... Ich meine, wir haben furchtbar viel Geld für die Aufnahmen in Deutschland und Holland ausgegeben, aber das waren die damaligen Umstände, weil wir dort wohnten und so, und wir hatten soviel Geld für die Alben. Ob es vernünftig war oder nicht, soviel auszugeben, aber wir wurden da so durchgezerrt, und ich finde, die Alben kamen ganz gut heraus. Aber wenn man in Manchester ist und in Manchester wohnt, dann dauert es oft länger, weil manche Leute sagen: “Ich nehme mir mal den Nachmittag frei für die Kinder”. Es passiert. Wenn man auf Tour ist, kann man das nicht, wenn man also ins Studio geht, als ob man auf Tour ist statt als Tagesjob, dann würde man wahrscheinlich Zeit sparen.


NL: Hast Du Lieblingssongs auf dem Album?

Les: Mein persönlicher ist “So Long”. Ich wollte länger daran arbeiten - ich hätte es gern noch weitergebracht. Es wurde sehr schnell aufgenommen, und es wäre schön gewesen, etwas länger zu experimentieren, eigentlich an allen Tracks, etwas länger daran zu arbei-ten, vor allem am Gesang - ich war mit dem Gesang nicht so glücklich, ich hatte eine Erkältung und noch mehr, aber es kommt die Zeit, wo man es einfach hinter sich bringen muß.


NL: Anfangs erwähntest Du die Reaktion zum Album - warst Du sehr enttäuscht davon?

Les: Ja, unheimlich. Ich dachte wegen der ersten Reaktion von Leuten in der Plattenfirma, daß wir es getroffen hätten. Die Reaktion von den Medien war ganz gut, aber als wir dann dort ankamen, fehlte die Plattenfirma bei jedem Konzert, das wir spielten. Das waren große Gigs, als Headliner über Art Garfunkel und solche Leute. Es fehlte total an Interesse, und ich war extrem sauer. Ich kann die Schuld nur auf die Plattenfirma schieben, die soweit ich weiß damals in Aufruhr war, mehr als normal! Ich weiß, daß John enttäuscht war, als wir auf Tour gingen, daß so wenige kamen, aber es kamen für niemanden viele, außer vielleicht für Bryan Adams! Aber wenn man Bryan Adams oder gar Chris de Burgh sein will, dann muß man auch was dafür tun. Man kann nicht nach zwei, drei Jahren Abwesenheit auf Tour gehen und erwarten, daß einem alles auf den Teppich gelegt wird. Dies ist nicht vor 15 oder 20 Jahren, dies ist 1998, wo der Markt von allen Sorten Musik überläuft, und wir sind in einer völlig anderen Generation, als was jetzt geschieht. Keiner schuldet uns etwas, da läuft es drauf hinaus. Die Veranstalter schulden uns nichts, die Plattenfirmen schulden uns nichts und die Fans schulden uns nichts.


NL: Ich bin nicht sicher, ob ich Dir bei den Fans zustimmen kann.

Les: Versteh’ mich hier nicht falsch - ich sage, man kann nicht erwarten, daß sie kommen und sagen: “Ihr habt uns so lange diese Musik gegeben, wir werden euch ewig nachfolgen”. Die Umstände ändern sich für alle. Man kann nicht sagen, daß wir dieses Jahr so und so viele Platten verkaufen werden und daß die alten weiterhin gekauft werden - es stimmt nicht. Wenn man nicht auf Tour geht, verkauft man nichts Altes, so einfach ist das. Man muß schon arbeiten wollen, statt sich zurückzulehnen und zu sagen: “Oh, wir sind eine Kultband, und dadurch kommen wir weiter, weil es nicht so ist. Jene Tage sind nun wirklich vorbei. Plattenfirmen haben nicht das Geld, sie interessieren sich nicht mehr für die Zukunft der Gruppen. Es ist ein Produkt, und wenn es sich nicht verkauft, dann verkaufen sie etwas anderes.


NL: Wenn man bedenkt, was Du gerade über’s Arbeiten gesagt hast, ist das denn so eine gute Zeit, daß die Band Pause macht?

Les: Es wurde aus welchem Grund auch immer beschlossen, daß die Sache nicht lief und daß es daher Zeit für eine Pause war. Es war nicht meine persönliche Entscheidung, das kann ich Euch sagen. Man kann nicht weiterarbeiten, wenn man von soviel Negativem umgeben ist - man kann es nur eine bestimmte Zeit aushalten, bis man denkt: “Ich renne hier mit dem Kopf gegen die Wand und komme nicht weiter. Ich schreibe gute Songs, ich mache meine Sache gut, ich spiele gut”, und ich persönlich dachte, daß ich gut spielte, besser als seit langem. Es ärgert mich nur, wenn manche Leute am Ende denken, daß die Sache nicht läuft. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, daß es eine Entscheidung der Mehrheit war, aber es war nicht meine. Ich würde live auftreten, es ist egal, ob es für fünf Leute oder 5000 oder 50,000 ist, aber man gibt uns nicht die Gelegenheit, hauptsächlich in der Plattenfirma, bei der wir gerade sind.


NL: Glaubst Du persönlich, daß BJH wieder aufnehmen oder auf Tour gehen werden?

Les: Wir planen sogar etwas im Moment, was ich Euch leider nicht verraten darf, weil die Band noch nicht darüber gesprochen hat. Es ist etwas, das erwähnt wurde, wobei Aufnahmen und vielleicht ein paar Gigs eine Rolle spielen, aber in diesem Augenblick glaube ich nicht, daß Polydor in Deutschland daran Interesse hat. Ich kann mich irren, aber es bringt nichts, die Sache zu forcieren.


NL: Hat Dir die letzte Tour Spaß gemacht?

Les: Mir ja, sehr.


NL: Dir schienen die Solospots zu gefallen, und sie kamen bei den Fans sehr gut an.

Les: Stimmt. Das ist auch wieder etwas, worauf man in Zukunft aufbauen könnte, aber wir müßten sehen, wie es ankommt, ob die Fans es mögen. Es müßte schon unter dem Namen BJH sein.


NL: Du würdest also nicht solo auf Tour gehen?

Les: Ich persönlich? Das würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn ich zum Beispiel etwas geschrieben hätte, das für Gitarre und Gesang absolut toll ist, eine Art Ein- Mann-Band, und dann könnte man eine Platte machen und vielleicht ein paar Gigs spielen. Auf keinen Fall würde ich sagen: “Das war’s, ich mache allein weiter”. Was mich betrifft, besteht Barclay James Harvest aus drei Mitgliedern, und was das nächste Mal geschieht, wird mit Barclay James Harvest sein.


NL: Was sind Deine eigenen unmittelbaren Pläne?

Les: Ich arbeite gerade an etwas, was ich Euch wieder nicht verraten kann! Es hat nichts mit der Band zu tun, und im Augenblick steht noch nicht genau fest, was damit passieren wird. Es ist eine aufregende Aufgabe - ziemlich groß, sehr groß! Das ist aber auch alles, was ich Euch verraten kann.


NL: Ist es ein musikalisches Projekt, hat es mit Songschreiben zu tun?

Les: Nein. Es hat mit Entertainment zu tun... Niemand weiß etwas davon, aber offensichtlich kann ich nichts dazu sagen, denn wenn es jemand herausfindet, wird nichts daraus.


NL: Hast Du seit dem letzten BJH Album etwas geschrieben?

Les: Ja, ich schreibe immerzu. Ich habe insgesamt etwa zwanzig Ideen, und etwa drei oder vier Songs haben mit Texten und Arrangements den Punkt erreicht, wo ich sie nicht mehr wegwerfen werde. Ich bin nicht dafür, Ideen und Songs zu horden und sie zehn Jahre später wieder aufzugreifen. Wenn sie meiner Meinung nach nicht funktionieren, dann werden sie auch nicht funktionieren.


NL: Was wird jetzt mit jenen Songs geschehen?

Les: Ich werde einfach am Keyboard weiterschreiben, und vielleicht, wenn etwas Interessantes dabei herauskommt, würde ich damit zu Lindsay oder David gehen und sagen, was ich damit tun will. Hoffentlich geht es weiter. Ich war mit Mel in Kontakt, wir haben überlegt, was wir tun. John macht im Moment offensichtlich seine eigene Sache, aber ich habe keinen Zweifel, daß wenn jemand in England oder Deutschland, Frankreich oder der Schweiz oder so ein Angebot für Barclay James Harvest machen würde, daß sie etwas tun, dann habe ich keinen Zweifel, daß wir wieder zusammenkommen.


NL: Im Moment arbeitet John wieder mit Woolly, und die Fans fragen alle: “besteht die Möglichkeit, daß die ursprünglichen vier Mitglieder von BJH jemals wieder zusammenkommen?”.

Les: Nein.


NL: Das klingt reichlich überzeugt. Warum sagst Du das?

Les: Warum? Weil das vorbei ist, Vergangenheit. Was mich betrifft, ist Barclay James Harvest die Band, die jetzt existiert. Die Band, die die längere Zeit existierte, ist die ab 1978. Das sind 20 Jahre, und man kann nicht einfach sagen: “Es funktioniert nicht, also holen wir alle vier zusammen.” Man kann nicht etwas rückgängig machen, bloß weil ein paar Leute es so wollen. Ich kann keinen Vorteil darin sehen, alle vier Mitglieder wieder zusammenzuholen, absolut nicht.


NL: Würdest Du gern wieder in GB auf Tour gehen?

Les: Wenn die Zeit dazu kommt, schon. Ich werde nie wieder mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Wir sind nicht mehr 25! Viele Dinge sind kürzlich geschehen, die meine Gefühle gegenüber der Zukunft verändert haben, private Dinge, die man nicht vorhersehen kann. Von jetzt an will ich einfach das tun, was ich tun will, und ich werde mich nicht in irgendeine Situation drängen oder zwingen lassen, die ich nicht richtig finde, für mich persönlich oder die Band.


NL: Wenn man über die Karriere der Band zurückblickt, was waren bisher die besten Momente?

Les: Ich glaube, die frühen Jahre, wo wir tourten und nicht darüber nachdachten, wie die Tour in Südafrika und die in Jugoslavien, aber da waren wir viel jünger. Man konnte tun, was man wollte, ohne Konsequenzen zu fürchten! Das Berlin-Konzert - ich glaube, es war nicht unser bester Gig, aber es war ein Ereignis. Das kann man nicht wiederholen.


NL: Wofür möchtest Du, daß man BJH in Erinnerung behält?

Les: Nur die Musik, denke ich, mehr als alles andere. Die Liveauftritte; man sagte mir immer, die Band sei am besten, wenn sie live spielte.


NL: Irgendeine Botschaft an die Fans, die dies lesen?

Les: Ich möchte nochmals betonen, daß wir im Moment trotz der Pause über verschiedene Zukunftsprojekte reden. Ich persönlich finde, daß wir auf Tour gehen sollten - die Band, wie sie jetzt ist. Ich kann mir keine größe-ren Wechsel in der Band vorstellen.


NL: Vielen Dank für Zeit und Mühe, und viel Glück für Deine Projekte.

Les: Ich sage Euch näher an der Zeit Bescheid, wenn ich kann. Wenn es was wird, dann wird es neue Wege erschließen, die nicht weit von dem Punkt liegen, an dem ich jetzt bin.


NL: Danke.

Les: Vielen Dank.


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