Barclay James Harvest

Les Holroyd Interview, April 1990


Dieses Interview wurde von Keith Domone und Kevin Goodman für das offizielle BJH Fanclub-Magazin Nova Lepidoptera durchgeführt und erschien zuerst in Ausgabe Nr.9 von NL im April 1990.

Englisch

Deutsche Übersetzung von Dagmar Müller


Les at home in 1990 NL: First of all, congratulations on the new album

NL: Zuerst möchte ich zur neuen LP gratulieren. Was hältst Du jetzt davon, wo sich der Wirbel darum gelegt hat?

LES: Ich mag sie immer noch recht gerne, ich habe sie mir sogar heute morgen erst angehört. Ich spielte "Halfway To Freedom" - weißt Du, daß das die nächste Single wird? (in Deutschland) Ich habe darüber nachgedacht, wie wir es als Single etwas aufmotzen könnten, vielleicht mischen wir den Song für die Maxi-Version neu ab. Wie stehst Du zu der Single?


NL: Für Deutschland ist sie ideal, aber ich glaube nicht, daß sie hier viel ausrichtet.

LES: Nein, das glaube ich auch nicht, aber trotzem, wer weiß? Wir dachten auch, daß "Cheap The Bullet" einschlagen würde - weder hier noch in Frankreich ist es ein Hit geworden.


NL: Aber ist es nicht in England schon so weit, daß nichts ein Erfolg wird, egal, was Ihr nun herausbringt?

LES: Leider glaube ich, daß dem so ist; ich weiß nicht, ob wir schon soweit sind. Man weiß es einfach nicht, denn wir sind uns bewußt, daß es auch Leute gibt, denen die Band immer noch sehr viel bedeutet, die die Band live sehen und die Musik der Band kaufen wollen. Andererseits müssen wir die Sache auch im Hinblick auf die Zukunft sehen. Wir machen uns nichts vor, wir sind über vierzig und haben uns die Zeit nur geborgt! Zu dem Thema möchte ich aber noch sagen, daß sich Vieles verändert hat; bestimmt für Bands wie uns und viele andere Leute wie Clapton zum Beispiel, weil Rockmusik nun salonfähig ist. Keine Popmusik - es gibt da einen merklichen Unterschied, und leider ist es für die meisten Plattenfirmen keiner. Man muß sich als Popgruppe vermarkten lassen; darin liegt für uns das Problem in England, da der einzige Weg, bekannt zu werden, darin besteht, eine Single und ein Video zu machen.


NL: Was Ihr dann auch bei "Cheap The Bullet" getan habt?

LES: Und dann haben sie es erst nicht gespielt! Leider liegt das an "Top Of The Pops". Wenn man dort nicht mit dabei ist, verkauft man auch keine Platten. Das dumme System funkioniert so, daß keine Laden deine Platten haben will, wenn du die Top 40 nicht schaffst. Sie werben nicht dafür, und weil sie das nicht tun, verkauft sich die Platte dann auch nicht. Dagegen sind wir vollkommen machtlos.


NL: Wir redeten darüber, daß die Medien, Radio und Fernsehen sie ignorieren - wäre Dir das gleichgültig, oder wäre Dir die Presse egal, die einige entsetzliche Kritiken von sich gab? Wie reagierst Du darauf?

LES: Das kümmert mich überhaupt nicht, ich kenne auch wirklich keinen, der sich darum schert. Was mich am meisten ärgert, sind Radio und Fernsehen. Jedem steht es frei, sich eine Zeitung oder Zeitschrift zu kaufen - man muß selbst in ein Geschäft gehen und sie sich holen. Wenn man Auto fährt und das Radio einschaltet, wird man mit dem berieselt, was die eben gerade senden.


NL: Welche Dinge bringen Dich dazu, einen Song zu schreiben?

LES: Alles, alles was man hört, alles was passiert. Wir sind viel in Europa herumgekommen, haben Berlin gesehen und viele solche Sachen. Jeder sieht, was in der Welt geschieht. Leute, die keine Songs schreiben, gehen vielleicht in die Kneipe und reden mit ihren Freunden darüber; genau das tun wir auch, aber wir machen daraus einen Song, weil wir nur wenige Freunde haben!!


NL: Hast Du unter Deinen Songs einen besonderen Lieblingssong?

LES: Ich mag "Berlin", und von der neuen LP mag ich "African Nights", aber das ist nur eine persönliche Sache. Ob es etwas mit der Musik zu tun hat oder mit dem Text, könnte ich Dir wirklich nicht sagen.


NL: Kannst Du Dich noch an den allerersten Song erinnern, den Du geschrieben hast?

LES: Der aller-allererste war ein Titel namens "I'm The One Who's Loving You". Ich habe ihn auf einem Cello geschrieben, und wahrscheinlich wurde er deshalb nicht aufgenommen! Nein, so schlecht war's eigentlich gar nicht. Es war eine Art McCartney-Ballade. Das ist schon sehr lange her - vielleicht etwa 1966, 1965.


NL: Wie lange brauchst du, um einen Song zu schreiben, und wie machst Du das?

LES: Normalerweise fällt mir etwas ein, und ich zeichne es irgenwie auf auf eine Art Cassettenrecorder, ich habe sowas immer dabei. Früher hatte ich sowas nicht - ich bekam die unglaublichsten Einfälle; man wacht auf und denkt "das ist toll, wenn ich es noch weiß, ist es ein "E", das in "FIS" übergeht, ich werde es nicht vergessen!". Man schläft wieder ein, wacht auf und hat es natürlich vergessen, deshalb habe ich immer meinen Recorder bereit. Dann arbeite ich mit der Schlagzeugmaschine und den Keyboards und baue den Song darauf auf. Es könnte auch sein, daß ich es hier an meinem Klavier mache, aber das hängt vom Song ab.
Ich glaube, daß ich "Kiev"in nur zwei Stunden geschieben habe, mitsamt Arrangement und allem, was sehr ungewöhnlich war. Ich habe mich hingesetzt und habe mit der Idee für die Musik begonnen. Den Text hatte ich in einer halben Stunde fertig, was für meine Verhältnisse unglaublich ist, weil mir Texte stets Schwierigkeiten bereiten. Im allgemeinen schreibe ich zuerst die Musik.


NL: Hast Du noch andere Hobbies außer Pferden?

LES: Autos, alte Autos. Ich hatte einige Klassiker: Ich habe einen alten Mercedes Sportwagen, den ich restauriere, ich habe gerade noch einen gekauft, der in einem viel besseren Zustand ist, und ich habe einen alten BMW, der sehr selten ist - nur 500 Stück sind davon gebaut worden.


NL: Hat sich Dein Musikgeschmack verändert, seit man Dich zuletzt danach gefragt hat?

LES: Nein, eigentlich nicht. Um ehrlich zu sein, in letzter Zeit habe ich eigentlich nicht sehr viel Musik gehört, oder nicht viel Musik von anderen Leuten. Man hört sich viel lieber seine Lieblings-LP's an - Toto, Chicago; ich habe mir im Studio "The Friends Of Mr. Cairo" von Jon & Vangelis angehört, um vielleicht ein ähnliches Echo bei irgendwas hinzukriegen. Ich habe sie ständig gespielt, es ist eine wirklich gute LP, eine wunderschöne LP. Solche Dinge höre ich mir viel lieber an als das, was gerade aktuell ist.


NL: Ich möchte Dich nach einigen bestimmten Songs fragen. Jemand hat mich gefragt, ob "Shadows On The Sky" von Vietnam handelt.

LES: Nein. Das ist das Problem, wenn man solche Sachen schreibt, deren Texte etwas allgemein gehalten sind. Nein, eher hat es mit Elefanten und Nashörnern zu tun; man kann es schwer erklären, wenn jemand noch nicht in Afrika war, aber man sieht wirklich meilenweit, und wenn man ein Tier sieht, sieht es aus wie ein Schatten am Horizont.


NL: Bleiben wir beim Thema: Wieso habt Ihr den Song nochmal aufgenommen?

LES: Weil er nicht fertig war!


NL: Hat es Dich gestört, daß die unfertige Fassung als Single erschien?

LES: Ein wenig schon, ja, aber das passiert eben. Es war eine gekürzte Version. Man konnte es lassen, aber musikalisch war es nicht in Ordnung; beim zweiten Refrain fehlte die Hälfte bei den mittleren acht Akkorden, ab und zu fehlte der Gesang. Der Text wurde dadurch nicht verändert. Es war ganz anders abgemischt, der Gesang war leiser: Ich glaube, daß wir bei der ursprünglichen Fassung den Gesangsverstärker eingesetzt hatten, und es deshalb etwas zu laut klang. Bei der ersten Abmischung klangen zwei der Titel fast schon verzerrt; bestimmt ist das bei "Cheap The Bullet" der Fall gewesen. Wir mußten damit sehr vorsichtig sein, als wir den Titel als Single auskoppelten, weil es nahezu verzerrt klang, also mußte man ausgleichen, etwas vom Baß wegnehmen, um den Gesang zur Geltung zu bringen.


NL: Als Ihr mit der LP begonnen habt, sagte john, sie würde völlig digital aufgenommen, und nun ist sie mit dem Vermerk "AAD" erschienen.

LES: Andy Mac ist deswegen auch stinksauer; sie wurde im Digital-Verfahren produziert. Das Einzige, was bleibt, ist, das richtigzustellen, wenn die nächste Serie davon kommt. Das Problem ist dabei, daß es derart viele Aufnahmetechniken gibt.


NL: "Halfway To Freedom" wurde vor den Ereignissen in Osteuropa geschrieben. Hast Du sie kommen sehen?

LES: Das ist sehr wohl möglich! Das ist mir schon mehrfach pasiert. Ich denke, es hätte den Menschen klar sein müssen, daß so etwas passieren könnte; spätestens nach dem Konzert in Ostberlin war ich überzeugt davon, daß die Mauer noch vor Weihnachten fallen mußte. Das hatte im Prinzip nicht mal unbedingt was mit Deutschland zu tun, das muß ich zugeben. Ich meine, daß Rumänien alles in Bewegung gesetzt hat, da ich das schon eine recht lange Zeit verfolgt hatte. Ich konnte einfach nicht begreifen, was dort vor sich ging, und genausowenig, daß niemand in England etwas davon gewußt haben soll - keiner wollte es wissen. Ich glaube, es hatte mit jenem ganzen Zustand zu tun.


NL: Denkst Du, daß die Band ein weiteres großes Berlin-Konzert geben könnte?

LES: Ich meine, ja. Wahrscheinlich ist das auch eine Art Voraussage, aber ich kann mir vorstellen, daß wir vor dem Brandenburger Tor auftreten. Ich weiß nicht, wie das ablaufen könnte, da wir viele Sponsoren und andere Dinge brauchen, um ein so großes Konzert zu organisieren, aber ich meine, es wäre möglich, sowas zu machen. Im Augenblick ist das ein Problem, weil jeder irgendwas in Berlin machen will. Ich möchte nicht, daß jemand sagt, wir würden auf einen fahrenden Zug aufspringen. Das haben wir nie getan. Ich meine, wenn wir das hätten tun wollen, hätten wir mehr als 20 Jahre dazu Zeit gehabt - wir hatten dazu reichlich Gelegenheit!


NL: Wie schätzst Du die derzeitige Entwicklung in Deutschland ein, was denkst Du über die Wiedervereinigung und über die Wahlen in Ostdeutschland? Meinst Du, sie sind auf dem richtigen Weg?

LES: Eine schwierige Frage. Ich denke, sie haben mehr ihre Herzen als den Verstand sprechen lassen, und das ist verständlich. Ich meine, es mußte alles derart schnell geschehen, sonst wäre gar nichts passiert, weil sie im Sumpf der Bürokratie untergegangen wären, also muß es eine gute Sache sein.


NL: "Welcome To The Show" ist in vieler hinsicht der vom text her interessanteste Deiner Songs auf der neuen LP. Es scheint, Du greifst mit dem Bild der Unterhaltungsindustrie den Einsatz von Unterhaltung für politische Zwecke an; gilt diese zynische Einstellung auch für Deine Haltung gegenüber dem Musikgeschäft?

LES: Eigentlich nicht, nein. Ich meine, es ist lediglich etwas, das meiner persönlichen Meinung nach gesagt werden mußte. Es ist interessant, daß Du das erwähnst, weil niemand wollte, daß das Stück auf die LP kommt! Sie sagten alle sowas wie "eigentlich mag ich den Text davon nicht"! Es war einfach meine Ansicht über diese ganzen Massenmedien, und es bedeutete im Grunde, daß wir sie für das, was wir tun, absolut nicht brauchen. Wir heißen nicht Bananarama: wir brauchen keinen Cyril Smith, um unsere LPs zu verkaufen, darauf kann ich gerne verzichten, vielen Dank!


NL: Worin besteht für Dich der Unterschied zwischen Plattenaufnahmen und Liveauftritten?

LES: Studioarbeit wird mit der Zeit langweilig. Ich mag beides, aber bei Studioaufnahmen sieht man erst, was dabei herauskommt, wenn der Song fertig ist oder wenn wir ihn abmischen. Es kommt vor, daß man einen Song 500 mal spielt, vielleicht noch öfter, ich hab's nie gezählt. Es ist schwer, dabei irgendeine Begeisterung zu entwickeln. Natürlich sind da Liveauftritte besser, weil man den Song nur ein einziges Mal spielen muß.


NL: Würdet Ihr jemals eine LP "live" als Band aufnehmen - und dann die Aufnahme genau so lassen, wie sie ist?

LES: Ja, wir haben daran gedacht. Bei "Time Honoured Ghosts" war das fast so; es wurde ziemlich live aufgenommen, sogar als John mitten in einem Stück von der Akustikgitarre zur E-Gitarre wechseln mußte. Er mußte seine Akustikgitarre zur Seite stellen, zu seiner anderen Gitarre gehen, sie sich umhängen, und es war eine Stratocaster, also mußte er vom Verstärker weggehen und sie einschalten!


NL: Bist Du im Studio ein Perfektionist?

LES: Ich glaube schon, ja, ich glaube, das sind wir alle. Ich glaube, daß es die Leute, mit denen wir arbeiten, auch sind. Zum Beispiel sage ich vielleicht "Besser können wir's nicht", und Andy Mac sagt dann vielleicht "Nun, versuchen wir's noch ein einziges Mal", und dann spielen wir's noch einmal und denken "Es klingt immer noch nicht gut", also machen wir's nochmal, damit alle zufrieden sind. Hoffentlich hört man das auch auf der Platte. Eine Liveaufnahme ist etwas völlig anderes, und es ärgert mich, wenn die Leute sagen, daß man etwas auf der Platte überspielt habe. Das muß eben einfach manchmal sein, weil live immer etwas schiefgehen kann.


NL: Aber sollte eine Live-LP überhaupt perfekt sein?

LES: Ich glaube nicht, daß man jemand einen Gefallen tut, wenn man zum Beispiel ein Baßsolo draufläßt, bei dem irgendwas verzerrt klingt, oder bei dem ein Brummen vom Verstärker zu hören ist. Darum werden solche Dinge ausgebessert. Nicht, daß man einen Fehler gemacht hat, aber es klingt nicht gut und stört damit alles andere. Dasselbe gilt ab und zu auch beim Gesang - wenn alles viel zu tief klingt, weil man das bei großen Live-konzerten manchmal nicht hört oder man einfach schlecht singt - wie ich schon sagte, jeder macht Fehler! Ich möchte wirklich nicht, daß das so auf Platte kommt und immer wieder so gespielt wird. Wenn das mal bei bestimmten Sachen wie den Keyboards der Fall ist, daß man einen falschen Ton erwischt, in Ordnung, aber beim Gesang ist das etwas anderes. Damit sage ich nicht, daß wir ständig alles ausbessern, weil das nicht stimmt, aber manchmal mußten wir das einfach machen. Bei einem Liveauftritt passiert mal was, aber dann ist es vorbei; zehn Sekunden später ist man bei der nächsten Textzeile, und man hört seinen Fehler nie wieder, aber auf Platte wird es schlimmer, je öfter man sie spielt, besonders, wenn es auch auf Video so ist. Das ist noch schlimmer - man sieht sich selbst zu, wie man falsche Töne spielt!


NL: Was dachtest Du über das "Victims Of Circumstance" Video?

LES: Mir hat es nicht gefallen.


NL: Hattet Ihr bei dem Beifilm irgendein Mitbestimmungsrecht?

LES: Kein sehr großes. Wir ließen sie einfach machen, weil wir im Grunde zu viel zu tun hatten, um uns darum zu kümmern. Es ist ein Problem, das wir vor kurzem dadurch gelöst haben, daß wir klarstellten, daß alle Videos über die Band entweder mit Live-ähnlichen oder Liveauftritten zusammenhängen müssen, weil wir eine Liveband sind.


NL: Es hat Dir also nichts ausgemacht, als ich in der letzten Ausgabe sagte, daß es aussah wie ein Werbespot für türkischen Honig?

LES: Es sah wahrhaftig danach aus, nicht wahr - aber der Werbespot für türkischen Honig war besser! Weil wir aber in Großbritannien nie größere Erfolge hatten, sehen viele Leute andererseits nur die Anfänge der Band, und deshalb können wir niemals dieses Image loswerden, langweilige alte Hippies zu sein. Ich glaube nicht, daß wir das sind, ich weiß sogar, daß wir das nicht sind!
Sie wollen gar nicht, daß wir dieses Image verlieren, und somit kommt das alte Image von Frieden und Liebe und all dem wieder zu Tage, wenn man jemanden wie Mike Mansfield damit beauftragt, ein Video zu machen.


NL: Gab es auf Tournee irgendwelche lustigen Begebenheiten?

LES: Etwas, das mir gerade einfällt, war ein großes Konzert an einem Freitagabend vor der Studentenvereinigung der Uni von Manchester oder "UMIST", und die Moody Blues sollten dort spielen. Sie kamen aber nicht, also wurden wir gebeten, zu spielen. Es waren sehr viele Leute da, und am Ende brachten wir "Nights In White Satin", da wir damals auch diese Nummer spielten, und wir mußten sogar eine Zugabe geben!" Das Beste dabei war dann, als wir den Schlagzeuger Graeme Edge und John Lodge kennenlernten. Es war das erste Mal, als wir sie wirklich persönlich kennenlernten, bei einer Weihnachtsparty oder sowas, und Graeme Edge dachte, daß wir Neulinge im Musikgeschäft wären. Er laberte etwa eine Stunde über die Spielregeln im Musikgeschäft; dann kam Lindsay und stellte uns ihnen vor, und Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen! Darüber ist er nie hinweggekommen…


NL: Was ist Deine früheste Erinnerung an Barclay James Harvest?

LES: Als wir zu viert waren - da wir schon vorher Barclay James Harvest hießen, als wir noch einen Sänger hatten, aber ich kann mich nicht an Auftritte oder an etwas anderes von damals erinnern - die früheste Erinnerung reicht zu den Auftritten in Belgien zurück. Ich erinnere mich daran, daß wir in Londerzeel mit den Nice aufgetreten sind, das muß also etwa 1968 gewesen sein. Unser damaliger Manager besaß einen Ferrari, und ich erinnere mich daran, daß ich in diesem Ferrari von Ostende nach Londerzeel gefahren bin mit etwa 240 Stundenkilometern - in einem Ferrari "Superfast" - und er war wirklich 'blitzschnell'!


NL: Als Woolly wegging, in wieweit hat das Deine Rolle innerhalb BJH verändert?

LES: Es hat sich dadurch nicht viel geändert, um ehrlich zu sein. Wir alle hatten immer Gitarre und Keyboards gespielt, und auch als Woolly noch bei uns war, haben ich und John Vieles an den Keyboards gemacht. Aus dieser Sicht heraus war es viel leichter, unsere persönlichen Ideen zu verwirklichen. Ich konnte meinen Song zu den Aufnahmen mitbringen und ihn spielen, anstatt daß ich jemandem sagen mußte, wie ich ihn haben wollte und damit einen Kompromiß eingehen mußte. Dadurch, daß wir ihn nicht ersetzten, kein eigentliches viertes Mitglied dazunahmen, wurden uns keine Grenzen gesetzt. Es war egal, ob einer, zwei, drei oder zehn Leute da waren, solange die Band nur aus uns Dreien bestand.


NL: Hast Du damals gedacht, daß das das Ende der Band bedeuten würde?

LES: Nein, bestimmt nicht. Es war der Anfang der wirklich großen Konzerte in Deutschland. Ich glaube, das ist einer der Gründe, weshalb er uns verlassen hat. Danach haben wir in großen Hallen gespielt und haben das Berlinkonzert gemacht, also haben wir nie zurückgeschaut. Ich glaube, es ist falsch, so etwas zu tun, denn wenn man anfängt, alles zu hinterdenken, geht man meiner Meinung nach vielleicht nie wieder auf Tournee. Man muß in die Zukunft schauen - darum kümmert es mich nicht, was die Leute über uns schreiben.


NL: Kümmert es Dich, was Fans über Euch schreiben?

LES: In gewisser Hinsicht muß man auf die Fans hören; die Fans sind doch wichtiger als die Presse, oder? Sie sind diejenigen, die nicht zuletzt stundenlang gewartet haben, um uns zu sehen, und die sich unsere Shows angesehen haben, die auch all die Platten gekauft haben. Wenn sie so viel Zeit und Geld dafür geopfert haben, dann wollen sie auch etwas dafür haben.


Hat Dir die Arbeit mit Jon Astley und Andy Mac Spaß gemacht?

LES: Jon hat im Vorfeld der Produktion viel Arbeit reingesteckt und er hatte viele Ideen, aber wenn es um die tatsächliche Produktion der LP geht, meine ich, daß die Credits hätten gerade andersrum lauten sollen: Andy MacPherson und Jon Astley. Andy bekam eigentlich nicht das, was er verdient hatte; ich hoffe, er bekommt diese Anerkennung, weil er seine Sachen perfekt macht.


NL: Dann würdest Du also gerne wieder mit Andy arbeiten?

LES: Aber selbstverständlich. Im Augenblick wissen wir überhaupt noch nicht, was wir bei der nächsten LP machen werden; das Einzige; was sicher ist, oder vielmehr 99.9% sicher, ist, daß wir unsere Aufnahmen in den Revo Studios machen und Andy Mac mit uns arbeiten wird.


NL: Sind die Studiomusiker auf diesem Album von Euch oder von Andy ausgesucht worden?

LES: Andy ist schon lange im Geschäft, er ist selbst Musiker, da hat er natürlich jede Menge Studiomusiker zur Verfügung, also sind es teilweise Freunde von Andy und teilweise Leute, die wir kennen oder von denen wir gehört haben. Ritchie hatte schon mit uns gearbeitet, wir kannten Ian Wilson von seiner Arbeit mit Sad Café her, und wir hatten vom Keyboarder der Band Living In A Box, Steve Pigott, gehört.


NL: Gibt es Songs von anderen Leuten, die Du gerne singen würdest?

LES: Mir fällt eigentlich keiner ein. Ich bin sicher, es gibt welche; bei Rocksongs ist das schwierig, man kann sie nur auf eine bestimmte Art singen, aber Balladen kann man auf seine eigene Weise interpretieren. Ich sage Dir, was ich gerne tun würde - eine LP nur mit Weihnachtsliedern machen. Einfach verschiedene Lieder nehmen, die von verschiedenen Bands gesungen werden, und vielleicht würden wir auch eines spielen.


NL: Welches würde Dir gefallen?

LES: Ich glaube, daß "Stille Nacht" gut ist, besonders wenn man es auch auf Deutsch macht, weil es ein deutsches Weihnachtslied ist.


NL: Wer hat Dich beim Songschreiben besonders beeinflußt?

LES: Da fällt mir niemand Bestimmtes ein. Ich glaube, daß ich früher meistens amerikanische Bands gehört habe; natürlich gab es da viele Einflüsse aus der Frühzeit von Crosby, Stills & Nash, Chicago hatten auch großen Einfluß, glaube ich, Toto… Unter den Sängern/Songwritern mag ich im Moment vielleicht, oder wenn man ein paar Jahre zurückgeht, Leute wie Phil Collins und Steve Winwood. Es ist eine schwierige Frage: Ich glaube, einfach alle, die man hört und mag; es kann sogar klassische Musik sein, die man spielt.


NL: Gibt es irgendwelche neuen Gruppen, die Du magst?

LES: Eigentlich kann ich nicht sagen, daß es welche gibt, weil ich sie mir nicht anhöre. Das tue ich nicht absichtlich, aber ich höre gar nicht gerne Radio - ich höre nur Radio, wenn ich unterwegs bin. Bands wie Wet Wet Wet, die für mich zu einer des besseren Bands der letzten Jahre zählten, sind nicht mehr neu. Vielleicht werde ich eben alt!


NL: Kommen wir auf die Livekonzerte zurück, Du hast gesagt, Du möchtest in die Zukunft schauen. Wie stehst Du dazu, Eure alten Songs live zu spielen?

LES: Das macht mir nichts aus - ich würde sie alle spielen! Das Problem ist nur, daß es dann ein Konzert von drei oder vier Stunden wird; das wollen die Leute nicht einsehen. Wenn man dann die Bühnenshow zusammenstellt, sagen die Leute "Das könnt Ihr nicht weglassen", aber läßt man es weg, heißt es auch, daß man dafür einen weiteren Song spielen kann oder andersherum, läßt man den alten Song drin, muß dafür ein neuer Song raus.


NL: Gibt es Songs in Eurer Show, von denen Du meinst, daß man sie nicht weglassen kann?

LES: "Hymn". Letztes Mal versuchte John, es rauszuwerfen, und wir sagten "Das kannst Du niemals tun". Falls einer der neuen Songs ein Riesenhit werden sollte, dann überlegen wir uns vielleicht, ob wir mit "Hymn" aufhören und diesen einen Song dann als Zugabe bringen, aber der Song müßte sehr stark sein, weil "Hymn" einfach alles in den Schatten stellt!


NL: Leute haben vorgeschlagen, daß Ihr Sachen wie "Child Of The Universe" oder "Poor Man's Moody Blues" weglassen und dafür andere alte Songs reinnehmen könntet.

LES: Ja, das ist eine Möglichkeit; wir haben "Medicine Man" reingenommen - mir würde das nichts ausmachen. Wenn ich Songs für eine LP schreibe, denke ich an die großen Konzerte, die wir machen werden, und wenn ich eine große Ballade schreibe, versuche ich immer, mir vorzustellen, wie das bei einem Open Air klingen würde, und ich denke mir aus, wie der Sound bei Nacht rüberkommen würde; man kann sich denken, daß Songs wie zum Beispiel "Halfway To Freedom" sehr gut ankommen. Manche Titel kann man einfach nicht bringen. Man könnte es zwar machen, aber man weiß, daß sie im Verhältnis zu einigen anderen Songs, die vielleicht auf Platte nicht so gut rüberkommen wie das der Fall sein sollte, recht schlecht klingen würden, aber live ist das ganz anders. Dabei denke ich besonders an "African Nights"; das wäre für Liveauftritte nicht geeignet, weil es eine liedartige Akustiknummer ist. Meiner Meinung nach gibt es unter meinen Titeln sicher drei gute, die wir bringen könnten. Ich meine bestimmt "Halfway To Freedom", "The Life You Lead" ist ein weiterer guter Livetitel, "Shadows" wäre vielleicht live gut. Man weiß es nicht, ehe man an die Proben geht.


NL: Es ist interessant, daß viele der deutschen Hallen diesmal kleiner sind als die, in denen Ihr früher aufgetreten seid.

LES: Alle müsen zurückstecken - sogar Prince hatte da diesmal so seine Probleme. Das liegt einfach am derzeitigen Markt, und wir alle hoffen, daß es wieder besser wird. Dieses Mal gab es ein Problem in Deutschland, weil die Olympiahalle ein paar Monate geschlossen ist, da es bauliche Schwierigkeiten gibt, und sie ist gerade dann geschlossen, wenn wir auf Tournee sind, deshalb machen wir zwei Auftritte im Deutschen Museum, anstatt dort aufzutreten, wo 7, 8 oder 9.000 Leute Platz haben, und das entspricht dieser Zuschauerzahl. Es ist schwierig, wenn man sich ansieht, welche Hallen zur Verfügung stehen.


NL: Wird es in diesem Sommer irgendwelche Open-Airs geben?

LES: Ich glaube schon. Ich meine, wir müssen es tun, falls sich die LP weitere zwei oder drei Wochen so gut verkauft wie jetzt und in den Charts wieder höher klettert - falls sie in die Top 5 kommt, ist es sehr wohl möglich. Noch eine Vorhersage!


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