Barclay James Harvest

Les Holroyd Interviews, Oktober 1990


Englisch

Transkript eines Interviews, das Les im Oktober 1990 der Mittelbayrischen Zeitung gab:


"Welcome To the Show" - ist das eine LP wie alle anderen, oder ist sie ein neuer Anfang für die Neunziger Jahre?

Darüber habe ich nie nachgedacht: Ich glaube, ein neuer Start. Wir haben versucht, zu den Tagen von "Gone To Earth" zurückzukehren, es aber vom technischen Standpunkt an die Neunziger anzupassen.


Warum habt Ihr neue Produzenten genommen?

Wir dachten, es wäre Zeit für einen Wechsel, neue Leute zu nehmen. Es ist immer gut, Dinge zu ändern, sonst wird man etwas abgestanden.


Die Welt wird immer friedlicher, (Les - oh wirklich?) aber in Songs wie "Cheap The Bullet" beschreibt Ihr die Welt als Welt der Macht und Patronen und so. Meint Ihr, daß das noch zutrifft?

Ich würde die Welt im Moment nicht gerade friedlich nennen, bei Vorgängen, wie wir sie im Mitteleren Osten haben. Das ist doch ein Paradebeispiel, wie billig die Kugel ist - Leben bedeutet nichts, alles hat mit Macht zu tun, und diesmal ist es das Öl. Es hat nichts damit zu tun, die Araber oder das Land zu retten, sondern nur das Öl zu retten und das ist alles, also ist das Leben noch immer billig.


Was denkst Du über die Uneinigkeit der britischen (konservativen) Partei und den Kanzlerrücktritt?

Ich versuche, nicht an Mrs. Thatcher zu denken: Das verdirbt mir immer den ganzen Tag!


Was meinst Du mit "die Blinden führen Blinde" in "Welcome To The Show"? Beschreibt das die Zustände im Show-Business?

Ja. Es gibt in diesem Geschäft so viele Leute, die nicht wissen, was sie tun, aber sie glauben es zu wissen - Blinde führen Blinde.


Zum Songtitel - weiß Du, wer Lady Macbeth ist?

Ja, aber ich sage es nicht! Da mußt Du schon John fragen….


All Deine Songs dieses Albums sind eher über Stories als frühere wie "Echoes And Shadows", das ja abstrakter ist.

Stimmt, die sind abstrakter; Du kannst hineinlesen, was Du willst. Es ist nur ein Zufall, daß auf diesem Album keine solchen Songs sind. Wir haben nie gesagt, jetzt machen wir einen Rückblick über die letzten zwanzig Jahre - Es ist einfach passiert.


Seid Ihr Leute wie Arbeiter, Arbeiterklasse, daß Ihr Songs schreibt wie weniger reiche Leute, und daß Ihr immer Opfer seht?

Schwierige Frage (!) Wir kamen aus der Arbeiterklasse. Man kann uns aber nicht mehr Arbeiterklasse nennen: Ein Arbeiter fliegt nicht um die Welt und sieht all diese Städte. Auch wenn man versucht, dann ihre Perspektive anzunehmen, geht es nicht immer.


Glaubst Du, daß Musiker etwas Besonderes sind, oder fühlst Du Dich so?

Nein. Manche sind es, sehr wenige. Songschreiber wie Paul Simon fallen mir ein - er ist etwas Besonderes. Ich glaube, er ist eher ein Poet als ein Musiker. Ich ordne Rockmusiker und Musiker im allgemeinen als Teil der ganzen Unterhaltung ein. Wir sind Entertainer wie Zirkusleute, TV-Persönlichkeiten und Straßenmusiker es sind - nichts Besonderes.


Gibst Du noch immer gern Konzerte?

Ja, natürlich, nach all den Jahren (nach zwanzig Jahren?) Oh ja,ich kriege immernoch ein Kribbeln davon, sonst würden wir es nicht tun.


Am Anfang Eurer Karriere habt Ihr mit Orchester gespielt; wärt Ihr daran interessiert, wieder mit diesem Orchester zu spielen?

Es ist sehr schwierig und teuer, das zu tun. Eine einzige Gelegenheit wäre ganz nett, aber dann muß man spezielle Songs haben, die man mit Orchester aufführen kann. Es wäre z.B. sehr schön, mit den Berliner oder Wiener Philharmonikern zu spielen, aber mit Orchester zu touren, wie wir es getan haben, ist finanzieller Selbstmord und beschränkt einen. Für nur ein Konzert wäre es toll: es müßte das richtige Konzert sein - Berlin wäre brillant, aber es müßte das Brandenburger Tor genau in der Mitte von Berlin sein!


Findest Du, daß Ihr gute Publicity für Eure Musik und LPs bekommt, weil die Promotion nicht so groß ist wie bei Gary Moore oder so jemand?

Ich weiß nicht, warum, es liegt nicht an mir. Wenn Du versuchst, Dich in alles einzumischen, dann wirst Du wohl nie Musik spielen. Ich überlasse all diese Dinge anderen Leuten.


Barclay James Harvest haben keinen Frontman wie z.B. Queen...

Wir haben nie gefunden, daß wir einen brauchen, weil wir alle auf der gleichen Stufe angefangen haben, wir alle schrieben die Songs und wir alle spielten die Songs und produzieten sie, es schien nicht recht. Wir sind nicht diese Art Band - es hatte nie jemand wie Freddy Mercury mit der Band zu tun.


Thr macht keine Skandale und nichts dergleichen in der Presse.

Wir sind Songschreiber und Unterhalter, keine großen Filmstars, daß wir meinen, jede Woche in der Zeitung stehen zu müssen. Wenn die Leute zur richtigen Zeit da wären, dann fänden sie auch heraus, daß es ein paar Skandale gab - sie waren nur nicht zur richtigen Zeit da! Zum Glück….


Ist Euer Schmettrling noch immer Euer Symbol nach all den Jahren?

Ja, ist er. Es begann auf dem ersten Album und ging dann so weiter. Es ist ein tolles Bild für das gesamte Spektrum von den Alben über Tour-souvenirs, Anstecker, T-shirts, was auch immer. Ich finde, er ist einfach eine hübsche Sache.


Gibt es andere Künstler, die Euren Stil weiterführen werden?

Ich kenne keine, aber ich denke, dieser Musikstil wird wiederkommen. Es gibt Kids in England, die von Bands wie Doors und Jefferson Airplane beeinflußt sind, so wird es wieder wie in den frühen Siebzigern werden, wo wir ja angefangen haben.


David Bowie sagt, er habe keinen Bezug mehr zu seinem alten Material, nach all den Jahren; geht es Euch auch so? Warum spielt Ihr z.B. noch immer "Mockingbird"?

Weil die Leute es hören wollen, darum spielen wir es. Im Idealfall könnten wir heute abend auf die Bühne gehen und das ganze neue Album spielen, aber ich fände das nicht fair. Wenn ich eine Band sehe, z.B. habe ich Queen jetzt vielleicht zehnmal gesehen, und ich möchte noch immer "Bohemian Rhapsodie" gespielt haben. Dafür gehen die Leute zu Konzerten - was die Leute von uns hören wollen, werden wir spielen. Wir hören auf die Leute: Der Fanclub schlug Songs vor, und wir hörten darauf. Es waren nicht alle durchfürbar, schließlich wollten wir ja auch einige moderne Songs spielen, sonst müßten wir jede Nacht vier Stunden spielen.


Was denkst Du jetzt über die Hintergrundstimmen auf "Victims of Circumstance", die doch soviel Streit hervorgerufen haben?

Ein Fehler! Nein, das ist nicht fair, es war kein Fehler. Es war etwas, das wir hätten überdenken sollen, bevor wir es taten. Wir fingen mit einem Lied im Studio an, dachten daran, die Mädchen als Hintergrundstimmen dazuzunehmen, und von da aus wurden es einige Tracks auf dem Album und schließlich die Tour. Es wäre okay, wenn man den Hintergrundsängerinnen sagen könnte, sie müßten schwarz tragen und stillstehen und singen, aber das tun sie nicht, und ist man erst auf Tour, ist es zu spät, das zu bemerken.


Auf "Once Again" habt Ihr mit Alan Parsons gespielt: Wäre der nicht was für Euch, weil er doch in Deutschland weltberühmt ist?

Wir haben nicht mit ihm gespielt, er hat die Bandmaschine bedient. Ich kenne nur seine Arbeit mit dem Project, die ich ziemlich mag. Als wir ihn kannten, hatte er gerade im Geschäft angefangen, und wir waren schon sechs oder sieben Jahre dabei, und bei EMI hat er nur die Bänder bedient.


Wäre es interessant, wieder mit einem Mellotron zu arbeiten?

Nein! Bestimmt nicht! Der Sound war gut, aber das Instrument selbst war 'furchtbar'! Es war zu schwer; es ist wie eine riesige Bandmaschine mit Spulen von bespieltem Band. Wenn Du einen anderen Klang brauchst, dann drückst Du den "Cycle" Knopf, und das Rad wälzt das ganze Band bis zum nächsten Klang um, was vielleicht drei Meter Band ausmacht, so kannst Du Dir wohl vorstellen, das zu tragen, und dann schaltest Du es an, und das Rad läuft los, und das Band fällt herunter!


Wie erziehst Du Deine Kinder in Sachen Religion usw.?

Er ist ein bißchen jung dazu: er ist erst drei! Im Moment interessiert er sich mehr für seine Teddybären!


Warum hört man nichts von ihm?

Ich fand es nicht wichtig. Einer der Gründe war, daß wir zu jener Zeit in Deutschland und der Schweiz noch groß waren, und ein gewisses Schweizer Magazin wollte einen Artikel über uns bringen. Dieses Magazin ist aber wie "The People" und "News Of The World" in England, und sie wollten mehr daraus machen. Warum sollte ich über meinen persönlichen Hintergrund sprechen? Ich bin ein Musiker, ein Entertainer; mein Leben ist privat, und ich möchte es auch privat halten.


Welches ist Dein liebstes Album, das Ihr gemacht habt?

Wahrscheinlich "Glasnost", weil ich finde, es ist eines der besten Livealben. Der Klang ist live, obwohl die Leute es nicht mochten: sie dachten, wir hätten es im Studio überspielt.


Hast Du Kontakt zu anderen sehr berühmten Musikern in London, so wie Phil Collins?

Wir arbeiten aus dem gleichen Büro heraus wie Status Quo - wir treffen sie manchmal; sonst eigentlich nicht. Ich kenne Deep Purple, ich kenne Ian Gillan ganz gut. Brian May kenne ich seit Jahren ganz gut, weil er damals auf der Uni war, und wir waren eine Band, die an Universitäten spielte. Damals machte er eine Band auf, die Smile hieß, und seitdem sind wir Freunde.


Eine letzte Frage, was hältst Du von Burgundy?

Ein sehr schönes Getränk! Ach, Du meinst To Hell With Burgundy? Sie sind super: erfrischend. Sie haben keine Hemmungen und nichts, sie tun einfach, was sie gerade wollen. Außerdem sind sie auch eine gute Band.



Schriftliches Interview mit Les aus dem italienischen Progressiv-Rock Fanzine Paperlate, Oktober 1990:


F: Bist zu zufrieden mit "Welcome To the Show" und seinem Verkauf?

L: Man kann als Songschreiber nie ganz mit dem Endprodukt zufrieden ein, weil man mit einem Lied in einer Richtung anfägt, und meistens geht es am Ende einen ganz anderen Weg. Allerdings ist dieses Album eine gewaltige Verbesserung gegenüber dem letzten, was die Leute anbetrifft, von Kommentaren, die der Fanclub erhalten hat, usw, also wer weiß? Bei BJH gehen Albenverkäufe immer weiter. Mit jeder Tour verkaufen wir mehr von unserem zurückliegenden Katalog, also bedeutet es nicht viel, wenn die ersten Verkäufe nicht so hoch sind wie von einigen anderen Alben, die wir aufgenommen haben.


F: "Paperlate" ist ein progressives Rock-Magazin - magst Du diese Art von Musik? Manche stecken Euch auch in diese Kategorie: Stimmst Du zu?

L: BJH sind immer "progressiv" genannt worden, und am Anfang "underground", und ich bin noch immer nicht sicher, was das heißen soll. Ich glaube, alles was original ist, könnte man "progressiv" nennen, und da wir in Deutschland und Frankreich für eine begrenzte Zeit "großen" Erfolg hatten, weiß ich echt nicht, wo die Grenze zwischen "progressivem Rock" und absolutem "Pop" ist.


F: Was für Bands/Künstler magst Du im Moment?

L: Ich höre alles und jedes, aber meistens "ältere" Rockbands, und insbesondere amerikanische Bands.


Vor nicht allzu langer Zeit hat "Paperlate" eine Meinungsumfrage veranstaltet: die Leser sollten die besten fünf Alben der 80er (außer Livealben und Zusammenstellungen) nennen. Welche würdest Du wählen?

L: Es gab so viele Bands in den 80ern, es würde lange dauern, tatsächlich die besten Alben dieser Ära auszusuchen. Für mich ist es bezeichnend, daß viele der etablierten Bands zur Bühne zurückkehren, nicht nur Livekonzerte, sondern auch TV und Video, und ich persönlich finde, daß uns die frühen 80er die besten Alben des Jahrzehnts gebracht haben. Ich höre noch immer viel aus jener Zeit, weil ich damals viel Spaß hatte. (Ich werde wohl alt!!)


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