Barclay James Harvest

John Lees Interview, Juli 1998


Dieses Interview wurde von Keith Domone für das offizielle BJH fan club Magazin Nova Lepidoptera durchgeführt und erschien zuerst in Heft Nr. 42 von NL im September 1998.

englisch


NL: Erzähle uns von Deinem neuen Projekt.

John: Wir machen eine Platte für Eagle Rock. Es ist ein Soloprojekt, und fünfzig Prozent der Musik sind im Moment neues Material, geschrieben von Woolly und mir. Woolly und ich spielen in allen Songs auf dem Album, einschließlich einiger neu aufgenommener BJH-Klassiker. Wir können nur solche neu aufnehmen, die ein gewisses Alter haben. Es besteht da eine Grenze, daher glaube ich, es ist aus der St. Annes Music-Zeit und davor.


NL: Besteht ein Vorteil darin, alte Sachen neu aufzunehmen?

John: Es wäre für die Plattenfirma nicht so interessant gewesen, wenn wir zwei nur neues Material aufgenommen hätten; sie wollten ein Album von mir mit neuem Material und einem neuen Blick auf Älteres. Wir werden es nicht so aufnehmen, wie es beim ersten Mal war - wir werden es aus einem völlig neuen Winkel ansehen. Es wird keine direkte Kopie von “Hymn” oder “Child Of The Universe”, oder welche Songs wir auch nehmen.


NL: Hast Du im Moment bestimmte Songs im Sinn?

John: Ich glaube, die Entscheidung wird erst fallen, wenn die Plattenfirma unsere neuen Tracks gehört hat.


NL: Welcher Anteil des Albums, glaubst Du, wird neu sein?

John: Ich weiß nicht. Im Moment ist es fifty-fifty, aber das kann sich ändern, je nachdem, was sie von den neuen Sachen halten. Es könnte sechzig-vierzig sein, oder auch achtzig-zwanzig, alt gegen neu! Aber es könnte auch andersrum sein.


NL: Wie läuft das neue Material?

John: Sehr gut. Ich würde sagen, wir haben etwa die Hälfte geschafft. Es ist sehr wie der originale Barclay James Harvest-Sound, von der Zeit, bevor Woolly ging. Wenn Ihr Euch ein Album vorstellt, das nach Gone To Earth kam, mit allen Barclays zusammen, so klingt es.


NL: Findest Du, daß jener Sound besser als der nach Woollys Weggang war?

John: Oh ja, weil er einen ganz bestimmten Charakter hatte - nicht nur der Sound, sondern auch was gespielt wurde. Woolly brachte ein ganz bestimmtes Etwas in Songs, das einfach fehlte, als er ging. Vielleicht war das anfangs noch nicht dramatisch, aber die Sache trieb immer weiter weg vom originalen Barclays-Sound.


NL: Siehst Du dies als ein einmaliges Projekt oder als etwas, was weitergehen wird?

John: Die Sachen, die aufs Album gehen, sind nur die Spitze eines Eisbergs von Material. Wir fanden es wirklich leicht, wieder zum Anfang zurückzugehen, wo Woolly stand und wo ich stand, als wir Gone To Earth aufnahmen. Wir haben keine Probleme mit dem Songschreiben. Wir haben eine Menge Material, das nicht auf dieses Album geht - wir haben mehr, als passen würde. Es besteht die Möglichkeit, daß es einen zweiten Albumvertrag geben wird, der an den für’s erste angeknüpft wird. Ob sie diese Möglichkeit aufgreifen oder nicht, würde davon abhängen, ob die Verkäufe Erfolg versprechen. Der Deal wird uns Raum geben, mehr Material aufzunehmen und uns eine kurze Zeit über Wasser zu halten. Damit weiterzumachen, wenn kein Bedarf dafür besteht, wäre sehr schwer.


NL: Welche anderen Musiker sind mit dabei?

John: Es sind nur zwei Leute aus der Gegend: jemand, den ich schon lange kenne, namens Craig [Baß], und sein Freund, der Drummer ist, Kevin.


NL: Hast Du überlegt, Mel bei dem Projekt mitmachen zu lassen?

John: Ja. Wir baten ihn, mitzumachen. Wir haben uns mit ihm getroffen, Woolly und ich, und erklärten ihm, daß wir es wieder als Partnerschaft haben wollten. Wir gingen zu Melve hin, um ihm zu sagen, wie es funktionieren würde, wenn er dabei wäre, daß wir einfach alles durch drei teilen würden, wie es in der ursprünglichen Partnerschaft war. Wir fragten ihn, aber noch ist nichts passiert. Ich weiß, daß Les dieselbe Gelegenheit hat, genau das zu tun, was wir tun, und ich hoffe, daß er das auch tut.


NL: Ich habe gehört, daß der Vertrag auch A Major Fancy mit einschließt.

John: Ja. Die Bänder bringt Woolly dieses Wochenende ‘runter. Ich hätte das Remastern am liebsten selbst erledigt, aber wir haben im Moment nicht die Ausrüstung hier. A Major Fancy wird herauskommen, es wird zum mittleren Preis verkauft werden, und es wird hoffentlich die ursprüngliche Hülle haben. Ich glaube, es werden auch ein paar Polydor-Tracks mit draufkommen.


NL: Nur aus Neugier, wird es die originalen Titel haben, die 1973 in den Plänen aufgelistet waren, oder die, mit denen es 1977 erschien?

John: Die “Untitled”s? Weiß ich nicht mehr - Ihr müßt das prüfen, damit es richtig gemacht wird!


NL: Gibt es Pläne für Konzerte?

John: Das wird davon abhängen, wieviel Interesse am Album besteht. Es wird von Lindsays und Davids Urteil abhängen. Wir würden sicher gern live spielen. Ich persönlich würde wirklich gern in England spielen. Man muß nur jemanden finden der einen nimmt.


NL: Ist es zu spät, dieses Jahr noch etwas zu organisieren?

John: Ich weiß nicht. Das Album soll, glaube ich, im Oktober erscheinen. Bei der Größenordnung von Tour, von der wir reden, dürfte es nicht lange dauern.


NL: Welche Größenordnung sagt Dir zu?

John: Klein ist gut! Kleine Theater sind richtig nett, Theater für Reps, Universitäten, all’ solche Sachen.


NL: Was fühlst Du jetzt River Of Dreams gegenüber?

John: Zwei Songs wurden so aufgenommen, wie wir jetzt aufnehmen: “River Of Dreams” und “Yesterday’s Heroes”, und sie haben ein anderes Feeling als alle anderen Tracks. Sobald wir den Deal mit Polydor hatten und ins Studio gingen, ging alles wieder zurück, und man arbeitete allein. All’ jene Songs wurden verschwendet, weil sie nie so herauskamen, wie sie sein sollten.


NL: Glaubst Du, daß BJH je wieder zusammen spielen?

John: Es gibt einen Weg: Zu viert, aber in keiner anderen Form, was mich betrifft. Ich glaube es nicht, es sei denn, jemand bietet uns eine Million Pfund an! Ich glaube einfach, daß wir ans Ende gekommen sind, es funktioniert nicht mehr als eine Einheit. Ich würde keine Türen zuschlagen - falls etwas daherkäme, würde ich es mir überlegen, aber wir sollten uns wirklich eine Weile davon zurückziehen.


NL: Gefiel Dir letztes Jahr die Tour in Deutschland und der Schweiz?

John: Nein, es fühlte sich nicht richtig an. Ständig gab es Konkurrenz innerhalb der Band, und am Ende reißt sich alles selbst in Stücke. Ich habe hier genausoviel Schuld wie alle anderen, aber wenn man etwas promoten will und nicht daran glaubt, dann gibt man nicht mehr 100%.


NL: Wird es diesmal mit Woolly anders sein?

John: Es wird so werden, wie es mal war. Bis er ging, hat er sich sehr engagiert, und es war ganz anders. Ich weiß nicht, ob alle verstehen, wie die originalen Barclay James Harvest funktionierten, aber es war eine Partnerschaft zwischen vier Leuten. Als Woolly ging, wurde es eine Firma. Als Barclay James Harvest zuerst anfingen, war es egal, wer den Song schrieb; es wurde durch vier geteilt. Am Anfang hieß es: geschrieben von “Barclay James Harvest”, dann von jeweils dem, der es geschrieben hatte, aber geldlich wurde noch immer durch vier geteilt. Irgendwann änderte sich das. Jemand war unzufrieden, wollte seine eigenen Tantiemen haben und nicht teilen. Als wir an dieses Projekt gingen, fand ich wirklich, wenn alles geteilt würde, fiele die Konkurrenz weg, die echt zerstören kann. Wenn wir schreiben, schmelzen die Ideen zusammen, und es ist sehr schwierig zu sagen, daß es eine Person schrieb. Man kann vom Stil erkennen, wer am meisten beitrug, aber es gibt Dinge, die für den fertigen Song genauso wichtig sind wie das eigentliche Schreiben - es geht alles nahtlos ineinander über!


NL: Ist es nach fast 20 Jahren leicht, jene Chemie zwischen Dir und Woolly wieder herzustellen?

John: Ich wußte nicht, ob es klappen würde, deshalb saßen wir ein paar Tage zusammen, um zu sehen, wie es lief. Wir hatten uns nicht geändert, seit wir zusammen in der Schule waren oder in den ersten Bands. Es wurde klar, daß sich etwas nicht geändert hatte. Ich sehe Dinge auf meine Weise und er auf seine, und wo die zwei zusammentreffen, finde ich, entsteht ein ganz magischer Sound - manche mögen anderer Meinung sein! Woolly war die Seele von Barclay James Harvest, und als er ging, ging die Seele mit ihm. Von uns allen war er der eine, der nicht für den großen Reichtum dabeiwar, er war nicht derjenige, der den Topf mit dem Gold und den Ruhm wollte, und er wett-eiferte am wenigsten von uns allen.


NL: Was erhoffst Du Dir jetzt musikalisch für die Zukunft?

John: Daß sich die Leute das, was wir tun, im richtigen Kontext anhören. Wir versuchen nicht, auf alten Lorbeeren zu ruhen, wir versuchen nicht, Rockstars, Superstars oder sowas zu sein, wir sind nur Songschreiber, die Songs schreiben. Wir sind ältere Typen, wir versuchen nicht, in Radio One oder Top Of The Pops oder sowas zu erscheinen. Die Leute sollten es sich als reife Musik anhören. Wenn sie das tun, ist alles in Ordnung.


NL: Was für Musik hörst Du heutzutage selbst?

John: Blechbläser!


NL: Dürfen wir also ein Album von Blechbläsern erwarten?!

John: Nein, aber vielleicht spielt eine Blaskapelle in einem der Tracks! Ich habe einen sehr merkwürdigen Geschmack: Classic FM, Blechblaskapellen, ich mag Pulp, ich mag Oasis, ich mag Paul Carrack. Die letzte CD, die ich gekauft habe, war This Is Hardcore von Pulp. Ich finde sie toll - ähnlich dem, was wir machen! Ich finde ihn sehr clever, ich mag ihn sehr, vor allem, was er Michael Jackson antat!! [bei den Brit Awards zeigte er Michael Jackson während “Earth Song” seinen entblößten Hintern...]


NL: Wofür willst Du, daß man sich an Barclay James Harvest erinnert?

John: Gone to Earth. Ich fand es ein gutes Album, es war vielleicht das Ende der guten Zeiten.


NL: Welches waren die besten Zeiten? Sticht irgendwas hervor?

John: Mit Eliot Mazer in San Francisco aufzunehmen. Es war super - wir hatten unheimlichen Spaß bei den Aufnahmen von Time Honoured Ghosts. Ein toller Ort, jemand zahlt dafür, daß man in San Francisco eine Platte macht, es war großartig.


NL: Stehen irgendwelche Konzerte in Deiner Erinnerung hervor?

John: Offensichtlich Berlin, ob aus dem richtigen Grund oder nicht - es war eine erschreckende Erfahrung. Ich glaube, beide Berlin-Konzerte, aber von allem, was mir im Gedächtnis blieb, glaube ich, als wir [1977] nach Deutschland zurückkehrten, um die Tour zu machen, die ausgefallen war. Der erste Gig war in der Philipshalle in Düsseldorf, und es war einfach phänomenal. Jene Tour war wirklich toll, und ich glaube, der Höhepunkt waren die Open-Air-Konzerte, Loreley und all’ jene [1979]


NL: Schließlich, irgendeine Nachricht an die Fans, die dies lesen?

John: Ich hoffe nur, daß sie weiterhin die Musik genießen und etwas davon haben, denn darum geht es uns schließlich allen.


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