Barclay James Harvest

John Lees Interview, April 1989


Dieses Interview wurde von Keith Domone für das offizielle BJH fan club Magazin Nova Lepidoptera durchgeführt und erschien zuerst in Heft Nr. 5 und 6 von NL im Juni und September 1989.

English


John enjoys a good read...

NL: Wie weit seid Ihr mit der neuen LP?

JOHN: Es läuft sehr gut - wir haben schon zwei Titel fertig, und wir haben unheimlich viel Material. Ich nehme an, wir haben genug, um daraus zwei LPs machen zu können, also sind wir in der glücklichen Lage, das Beste dessen, was wir haben, aussuchen zu können. Ich weiß nicht, ob die Fans die LP mögen werden oder nicht, aber ausnahmsweise gefällt uns die Arbeit an der LP, wir haben viel Spaß dabei.

 

NL: Ist das so ungewöhnlich, daß Euch die Aufnahmen Spaß machen?

JOHN: Nun, es war sehr schwierig, die letzten paar LPs aufzunehmen. Je länger man im Geschäft ist, um so schwerer wird es, auf die Art kreativ zu sein, auf die man es sein möchte, weil die Plattenfirma und andere bestimmte Vorstellungen davon haben, wie man es ihrer Ansicht nach machen sollte, und sie sagen dir das auch; die Fans sagen aber etwas anderes, und man muß dann irgendwo einen Kompromiß finden. Es ist äußerst schwierig.

 

NL: War es am Anfang besser, als Ihr Eure eigenen Ideen verwirklichen konntet?

JOHN: Ja sicher, weil man sich keine Sorgen über Verkaufszahlen machen mußte. Seit den letzen vier oder fünf Jahren, vielleicht sogar schon seit "Gone To Earth", mußten wir die Songs mit dem Gedanken an die Zukunft von Barclay James Harvest schreiben. Der Erlös unserer letzten Tournee reichte gerade dazu, alle Schulden zurückzuzahlen, die entstanden waren, und sie haben uns veranlaßt, eine weitere LP zu machen. Ich glaube, daß viele Leute die Band als Millionäre sehen, die sich jeden Luxus leisten und ein wunderbares Leben genießen könnten, aber das stimmt nicht - es war niemals so.

 

NL: Wenn Du die neue LP mit irgendwelchen früheren vergleichen könntest, wie würdest Du sagen, daß sie klingt?

JOHN: Von der Aufnahme, der Technik und vom Sound her, ist es mehr das, was man, sagen wir, von einer LP der Dire Straits oder von Peter Gabriel erwarten würde - diese Art sehr in den Vordergrund gestellter, sehr moderner Sound, aber eben auf unsere Art gespielt. Der Produzent Jon Astley tut alles, damit wir wieder als eine Einheit arbeiten. Ich mag ihm unrecht tun, aber mir escheint er mit seinem Temperament und in seiner Einstellung fast wie Woolly zu sein, und das hat wirklich einen guten Einfluß. Es ist immer noch die gleiche Art von Songs, es sind immer noch die Songs der Barclays, aber sie sind in einem anderen Zustand, wenn man mit den Aufnahmen beginnt. Ich würde sagen, daß es jetzt eher so ist, wie es war, als wir LP's wie "Gone To Earth" machten. Wir waren maßlos enttäuscht über die Reaktion auf "Face To Face"; wir hatten uns bewußt die Mühe gemacht, früheres Material zu sichten, das wir während der Jahre produziert hatten, und wir versuchten, unsere Schlüsse daraus zu ziehen, und daraufhin kam eigentlich nicht die Reaktion, die wir erwartet hatten, und dann kam dieses Live-Album - einfach lächerlich. Es machte uns nichts aus, daß es sich nicht verkaufte, wir machten uns deshalb Sorgen, weil die Leute annahmen, es wäre nicht live! Wir haben daran kaum etwas verändert, wir haben es nicht mal berührt.

 

NL: Einige unterstellten, daß der Gesang manchmal von anderen Konzerten stammte?

JOHN: Nein, das ist nicht wahr. Ich sage Dir, was passiert ist; das, was im ostdeutschen Radio gesendet wurde, war die Urfassung, wir hatten es überhaupt nicht verändert. Offensichtlich muß man die Bänder etwas überarbeiten, wenn man sie ins Studio bringt - sagen wir, über dem Gesang ist ein Stück weit extrem laute Rückkopplung zu hören oder es stimmt etwas nicht, dann muß man es ersetzen, aber ich muß sagen, und ich kann dafür meine Hand aufs Herz legen und es sagen, daß wir an diesem Album äußerst wenig getan haben. Ich war krank, als es abgemischt wurde, also hätte man für mich sowieso keine Neuüberspielungen machen können. Ich war ja gar nicht da!

 

NL: Eure Behauptung steht fest, daß Ihr mit einigen eurer früheren LPs nicht zufrieden wart, besonders mit "Baby James", aber auch mit "Ring Of Changes" und "Victims" - wie denkst Du jetzt darüber?

JOHN: Nein, ich mag diese LPs nicht besonders. Es hat hauptsächlich damit zu tun, daß mir die Aufnahmen damals keinen Spaß machten - ich glaube nicht, daß irgendjemand sie wirklich gern gemacht hat - und als sie fertig waren, merkte man das auch. Der Produzent hielt uns wahrscheinlich alle zusammen, wir müssen ihm dafür dankbar sein, aber ich glaube, damit mußte er auf uns einen so starken Einfluß ausüben, daß die Barclays wirklich etwas unterdrückt wurden. Es ist wie mit den Hintergrundsängerinnen, es war wie "Was machen wir als nächstes?" - "Warum versuchen wir es nicht mit ihnen bei einem Song?" Und wir beschafften uns diese Sängerinnen und sie sangen mit, als nächstes nahmen wir sie auf Tournee mit, und es hat wirklich nicht funktioniert. Sie waren toll, und eine davon ist inzwischen sehr berühmt, nicht wahr?! Alles was sie machten, war in Ordnung, aber es lenkte davon ab, was die Band auf der Bühne machte; es lenkte die Aufmerksamkeit auf die Bühne, und mein Eindruck von unseren Fans während der ganzen Jahre ist, daß die Leute dasitzen wollen und die Musiker auf der Bühne eigentlich nicht wahrnehmen wollen, sondern nur den Gesamteindruck der Musik. Die Produktion dieser beiden LPs war äußerst teuer, und sie werden wahrscheinlich nie das wieder einspielen, was es gekostet hat, sie zu machen.

 

NL: Seid Ihr deshalb bei "Face To Face" zur Analogaufnahme zurückgekehrt?

JOHN: Nein, die Kosten waren dabei eigentlich kein Grund, es war die Tatsache, daß wir eigentlich nicht glaubten, daß es irgendeinen Unterschied machte. O.K., wenn man auch analog abmischt, dann entsteht offensichtlich nicht dieselbe Qualität, aber wenn man analog aufnimmt und digital abmischt, fordere ich die Leute wirklich dazu auf, den Unterschied festzustellen. Einige Dinge lassen sich digital nicht so gut aufnehmen, weil sich Schlagzeug und solche Sachen bei Analoguafnahmen irgendwie auf natürliche Art komprimieren lassen - bei Digitalaufnahmen geht so etwas nicht. Wo ich das jetzt gesagt habe, nehmen wir die neue LP digital auf, und die Maschine, mit der wir arbeiten, scheint sehr gut zu sein, oder der Sound, der aus der Maschine kommt, scheint sehr gut zu sein.

 

NL: Du hast die Zukunft der Barclays erwähnt - siehst Du die Band jetzt als Karriere, oder machst Du es immernoch, weil es Dir Spaß macht:

JOHN: Ich mag es, ich liebe es, Songs zu schreiben. Es ist die Sache, die ich meiner Meinung nach kann, und das recht erfolgreich. Ich spreche nicht von Hits, aber es ist eine wirklich gute Art, kreativ zu sein, sich auszudrücken, und das, was am Ende zählt ist, daß wir Glück genug haben, diese Dinge auf Platte bannen zu können, denn viele Leute haben dieses Glück nicht. Deshalb müssen wir den Erfolg von Barclay James Harvest aufrechterhalten - nicht nur deshalb, sondern wegen all den Leuten, die während der ganzen Jahre wirklich an uns geglaubt haben. Man kommt an diesen Punkt im Leben, wo es "zu alt für den Rock 'N' Roll" heißt, und sie nennen es "Veteranen-Rock", aber ich habe immer gesagt, daß es schade ist, daß nichts anderes entstanden ist, das unsere Musik wie Modern Jazz oder was immer behandelt, und sie auf einen Platz stellt, wo sie in Würde weiterleben kann. Leider ist das nie passiert, also gibt es immer noch Leute wie uns und Pink Floyd und Genesis, die immer noch mit Jugendlichen im Wettbewerb stehen. Es kommt einen eigentlich idiotisch vor, aber wir befinden uns die ganze Zeit über in einer Art Wettbewerb, da wir sonst keine Platten herausbringen und keine Songs auf Platte aufnehmen können.

 

NL: Wärst Du glücklicher, wenn Du wieder Tourneen durch Colleges machen könntest?

JOHN: Ich persönlich würde das sehr begrüßen, aber es hängt nicht allein von mir ab. Ob das jemals wieder geschehen wird, weiß ich nicht, weil es mir wirklich Spaß gemacht hat, es war toll, aber gerade jetzt glaube ich es nicht, daß es passiert.

 

NL: Wenn Ihr Euch trefft, um ein neues Album aufzunehmen, und Du Les und Mel Songs vorspielst, wie weit sind sie dann und welche Form haben sie?

JOHN: Sie sind Demos, alle auf Cassette. Einige von ihnen sind sehr einfach, manche recht kompliziert, was das Arrangement betrifft. Zuerst werden sie nur unter uns dreien gespielt, dann hört sie das Management. Und dieses Mal hört sie auch zum ersten Mal die Plattenfirma, weil John Williams, mit dem wir bei der Plattenfirma zusammenarbeiten, jemand ist, der die Band schon vor etlichen Jahren gekannt hat, als wir bei EMI waren, damals arbeitete er in der Verkaufsabteilung von Polydor. Ich erinnere mich daran, daß wir vor Jahren eine Tournee durch Radiosender machten, und er begleitete uns, und er er muß sich weiterhin mit dem, was bei der Gruppe passierte, befaßt haben. Er ist nun Leiter des Bereichs Künstler und Musik bei Polydor, und er steht wirklich hinter der Band. Er ist absolut hingerissen von dem, was wir gemacht haben, und es gibt auch große Fortschritte in Richtung Amerika.

 

NL: Glaubst Du, das könnte zu einer Wiederbelebung, zu einer Wiedergeburt der Band werden?

JOHN: Ich hoffe es. Es ist jetzt noch eine weitere tolle Karte im Spiel in Form von Jon Astley, der in den Staaten und in Kanada großes Ansehen genießt und auch ein amerikanisches Management hat, das sehr von dem Projekt angetan ist, und sie sind mit dem, was sie schon gehört haben, sehr zufrieden. Wir haben zwei unfertige Fassungen von Stücken nach Amerika geschickt, und Jon Astley's Manager hörte sie und glaubte, es seien endgültige Versionen. Also ist es aus diesem Blickwinkel betrachtet sehr ermutigend.

 

NL: Hast Du Jon Astleys Solo-LPs gehört? Was hältst Du von ihnen?

JOHN: Mir gefiel das Album ("The Compleat Angler") - es gibt darauf zwei Songs, zwei oder drei, von denen ich meine, daß sie sehr sehr gut sind. Das erste Album kenne ich nicht. Er hat gerade von den Amerikanern ein gutes Angebot für die Produktion einer dritten LP bekommen, also ist er offensichtlich jemand, den man sich merken muß.

 

NL: Kehren wir nochmal zu der Auswahl der Stücke für eure eigenen LPs zurück, glaubst du, es besteht die Gefahr, zu demokratisch zu sein, da Ihr meist die Songs der LPs je zur Hälfte geschrieben habt? Falls Les zehn wirklich starke Songs anbringen würde, würdet Ihr dann eine ganze LP mit seinem Material aufnehmen?

JOHN: Ich nehme an, wir müßten das tun. Es läuft so, daß sie sich zuerst die Songs von Les anhören, und dann suchen sie die besten seiner Songs aus, danach suchen sie die besten meiner Songs, aus. Ich glaube, das Problem ist, daß sie so sehr verschieden sind, wenigstens auf den letzten paar LPs; das Material, das Les schreibt, und jenes, das ich schreibe, ist absolut Welten voneinander entfernt, aber viele Leute denken, daß das gut ist.

 

NL: Könntest Du Dir vorstellen, daß Les und Du irgendwann gemeinsam einen Song schreiben?

JOHN: Ich weiß nicht, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Wir haben uns früher eigentlich nicht hingesetzt und gemeinsam Songs geschrieben, aber in unseren Anfangstagen habe ich ihm bei ein, zwei Texten geholfen. "Early Morning" war der einzige Song, den die Band tatsächlich gemeinsam geschrieben hat.

 

NL: Manche der früheren Verfasserangaben gehen etwas durcheinander. …

JOHN: In jenen Tagen war es demokratisch. Als wir anfingen, wurde beschlossen, daß wir als Barclay James Harvest unterschrieben, als eine Gruppe, und daß alles zwischen uns vieren aufgeteilt werden würde. Tatsächlich schrieben ich und Woolly das meiste Material in den Anfangstagen, aber um sicherzustellen, daß es keine Unterschiede gab, wurde alles durch vier geteilt, also kam alles, was durch vier geteilt wurde, als Barclay James Harvest heraus. Ehe wir einen richtigen Plattenvertrag bekamen, schrieben wir eine große Menge Songs, vielleicht etwa 50 oder 60 Songs, die niemals das Tageslicht sahen, Es gab sehr wenige dieser frühen Songs, die jemals aufgenommen wurden. Ich weiß nicht, was mit den Demos passiert ist, ich habe nur eine Liste mit Titeln. Wir machten einen Dokumentarfilm für Granada Television, und darauf ist Material, das niemals veröffentlicht wurde.

 

NL: Falls man Euch sagte, daß Geld keine Rolle spielt und Ihr die neueste Technik nutzen könntet, um einen alten Song neu aufzunehmen, welcher Song wäre das?

JOHN: Ich weiß nicht, an die Hälfte von ihnen kann ich mich schon nicht mehr erinnern! Wenn ich irgendeinen aufnehmen könnte … Ich würde gerne "Pools Of Blue" (eines der früher nicht veröffentlichten Demos) mit einem ganzen Orchester aufnehmen. Zu der Zeit als ich "Pools Of Blue" schrieb, entstanden auch "Mocking Bird", "Dark Now My Sky" und "Galadriel". "Pools Of Blue" war der Titel, der als Nachfolger von "Early Morning" gedacht war, aber wir wurden uns damit nie einig. Es handelt von jemandem, der blind ist - es ist die Vorstellung davon, wie es sein würde, alle Dinge, die wir sehen können, und die ein Blinder nicht sehen kann, nur zu fühlen und zu riechen.

 

NL: Können wir auf der nächsten Tournee mit Überraschungen rechnen?

JOHN: Das Album wird vorschreiben, was danach genau passiert. Hoffentlich verkauft sich die Platte, weil man für eine Tournee einen Veranstalter braucht, der möchte, daß man eine Tournee macht, und er muß auch das Geld dafür vorstrecken. Wenn die LP fertig ist, werden wir wissen, ob wir es geschafft haben oder nicht. Wir fühlen uns, als ob wir an einem echten Wendepunkt in unserer Karriere angekommen sind, und wir werden hingehen und ein absolut einmaliges Album abliefern, das allen die Luft abstellt, daß sie losgehen und es kaufen.

 

NL: In einer Umfrage des Clubmagazins waren die ersten drei Songs, die die Leute live hören wollten, "For No One", "Suicide?" und "Guitar Blues" - gibt es eine Chance, daß Ihr welche davon spielt?

JOHN: "For No One" ist ein toller Song, nicht wahr? Ich habe ihn mir neulich angehört, als ich an der neuen LP arbeitete. Ich ging hin und hörte mir ein paar alte Stücke an. "Suicide?" ist ein weiterer Song, das Publikum verlangt ihn immer noch. Aber auch darauf habe ich keinen Einfluß; es ist demokratisch, die drei Gruppenmitglieder suchen die Songs gemeinsam mit dem Management aus, und am Ende wird das gemacht, wofür auch immer sich die Mehrheit entschieden hat. Ich wollte auf der letzten Tour wirklich mehr altes Material bringen, ich wollte "Jonathan" bringen. Ich glaube, es ist einer der besten Songs, den Les je geschrieben hat, aber er ist nicht in die Show gekommen.

 

NL: Viele Leute haben uns gefragt, warum Ihr "Guitar Blues" nicht gespielt habt?

JOHN: Ich weiß es wirklich nicht. "Guitar Blues", ein interessanter Song ist das, es gibt ihn schon lange; er wurde für "Ring Of Changes" geschrieben. Zwei Songs kamen nicht auf dieses Album und das war einer davon, also kam er auf die LP "Face To Face". Das passierte einige Male in der Karriere der Barclays: "Child Of The Universe" wurde übersehen, und "Hymn" gab es schon eine lange Zeit, ehe es aufgenommen wurde

 

NL: Ihr habt "Medicine Man" wieder in die Show genommen, was toll ankam.

JOHN: Das war David Walker - er hat jahrelang versucht, uns dazu zu überreden, ihn zu bringen. Ich bin derselben Meinung. Und es ist auch ein toller Song.

 

NL: Gibt es andere Songs, die Ihr wieder spielen möchtet?

JOHN: Bestimmt ist "For No One" ein klasse Song, das ist er wirklich, und "Suicide?" ist es auch, wenn man ihn auf der Bühne spielt. Bei der letzgen Strophe kann man eine Stecknadel fallen hören - ich war immer richtig beeindruckt davon, daß die Leute wirklich zuhörten.

 

NL: Hast Du unter Deinen eigenen Titeln ein Lieblingsstück?

JOHN: Ich mochte "How Do You Feel Now", ich meinte, das war ein absolut brillianter Song, es war nur die falsche Person, die ihn sang! Es war eigentlich kein Song, den jemand wie ich hätte singen sollen, ich konnte ihm nicht gerecht werden. Wenn ein wirklich großer Sänger eine Coverversion davon gemacht hätte …

 

NL: Du bist offenbar ein recht zurückgezogen lebender Mensch - macht es Dir etwas aus, wenn Dich Fans zu Hause besuchen?

JOHN: Ja, es bringt mich wirklich in Verlegenheit, ich komme damit nicht zurecht. Nun, offensichtlich muß ich es doch, aber ich bringe eigentlich nicht das damit in Verbindung, was die Fans damit in Verbindung bringen. Es ist so ähnlich, wenn ich "Nova Lepidoptera" lese, ich lese es wahrscheinlich wie ein Clubmitglied - all Geschichten über diesen John Lees! Diese Leute sehen diese Lebensweise, sie sehen dich auf Tournee und diese Art Übertreibung aller Dinge, aber zu Hause ist man vollkommen anders, man ist genau wie seine Fans, und es ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wenn einen jemand erkennt. Ich nehme an, das ist der Preis, den man dafür zahlen muß. Auf eine Art glaube ich, daß wir gut dran sind, weil wir in England nicht bekannt sind. Ich bin sicher, ich bin recht außergewöhnlich, aber ich mache mir nichts vor, ich bin nur ein normaler Mensch, der künstlerisch begabt ist.

 

NL: Du glaubst also nicht, daß Dir Berühmtheit überhaupt etwas ausgemacht hat?

JOHN: Nein.

 

NL: Hältst Du Dich selbst für berühmt?

JOHN: Nein. Was ist schon berühmt? Ein gutes Zeichen für die Reaktion, die wir hier erhalten, ist der Junge, mit dem wir jetzt arbeiten, Andy Mac. Als ausgehandelt wurde, daß wir von Jon Astley und Andy MacPherson produziert werden sollten - es ist eine Gemeinschaftsproduktion - mußten wir ihnen alle unsere früheren Titel schicken, damit sie sie sich anhören konnten, um zu sehen, in welche Richtung wir wollten. Andy Macpherson rief mich an und sage "ich habe mir gerade all Eure Sachen angehört, und das wird jetzt sehr schlimm klingen, aber ich habe noch nie zuvor etwas von Euch gehört, aber was ihr macht, ist verdammt gut!" Er war von "Face To Face" wirklich begeistert und sagte "jetzt merke ich erst, welche Qualität ich da noch verbessern muß!"

 

NL: Falls Ihr mit dieser LP plötzlich so groß würdet wie, sagen wir, Dire Straits oder Fleetwood Mac, würdet Ihr damit fertig werden?

JOHN: Aber sicher!! Alles ist gespannt und startklar! Das ist überhaupt kein Problem - das ist das Schöne bei mehr als 20-jähriger Erfahrung, deshalb glaube ich, daß ich beim jetzigen Stand der Dinge sehr leicht jeden Vorteil verkraften könnte! Diese Art Musik spricht viele an, falls ein breites Publikum Zugang zu ihr bekäme. Falls es endlich möglich würde, etwas zu erreichen, hätten die Leute all diese anderen LPs, auf die sie zurückgreifen könnten. Die Band hat den schicksalshaften Fehler am Anfang ihrer Karriere nie überwunden; diese Band arbeite viel, also hatten wir zu der Zeit, als das erste Album auf den Markt kam, eine große Fangemeinde. Das Schlimme war, und das ist meistens der Fall, daß die Medien die Band nicht entdeckt haben, sondern die Leute, die zu unseren Konzerten kamen, entdeckten die Band, und das hat uns die Presse nie verziehen. Bis heute sogar haftet uns dieser Makel an - die Reporter sind gegenüber der Band von Grund auf voreingenommen. Was wir jetzt tun müssen, ist, eine LP herauszubringen, die alle begeistert, und das ist es, was wir zu tun versuchen.

 

NL: Wie konnten BJH 21 Jahre bestehen, wo so viele der Leute, die da waren, als Ihr begonnen habt, längst aufgegeben haben?

JOHN: Harte Arbeit und eine Verbindung glücklicher Umstände haben eine Grundlage für die Band geschaffen; ich glaube, der erste glückliche Zufall, den wir erlebten, war der fürchterliche Mißerfolg der Tournee mit dem Orchester und die Schulden, die daraus entstanden waren.

 

NL: Das war Glück?!?

JOHN: Ich meine, es war Glück, daß wir arbeiten mußten, um die Situation zu retten, das Geld wiederzubeschaffen, und wir mußten den Klang des Orchesters, das wir nicht mehr hatten, nachahmen. Daraus entstand jene Art Liveshows, die uns durch diese Zeit halfen. Ich glaube, der zweite glückliche Schritt war, daß wir mit David Walker ein neues Management bekamen, wo er eine solide finanzielle Grundlage für uns schaffte, um der Band eine Zukunft zu geben. Leider glaube ich, daß das eigentlich zu Woollys Weggang führte - er kam nie ganz über all' diese Veränderungen hinweg und über die verstärkten Bemühungen, kommerziell zu sein, was wir mit David gleichfalls anstrebten. Davids große Sache war, daß er "Hymn" nie hinkriegte, weil er glaubte, daß es ein Nummer Eins Hit war, der nie einer wurde.

 

NL: Hast Du die Trennung von Woolly eigentlich kommen sehen?

JOHN: Nein, es kam wie aus heiterem Himmel. Mir fehlt er immer noch, weil er wie ein wirklicher Verbündeter war. Ich schreibe Songs, aber ich bin nicht sehr gut im Arrangieren, und er war mir in dieser Beziehung eine große Hilfe. Ich glaube, er hatte diese ständigen Tourneen satt - es ist wirklich harte Arbeit - und das und viele andere Dinge brachten ihn dazu, und das war's dann auch. Wir machten diese Sommerfestivals in Deutschland, die wie eine Vorbereitung auf das Berlinkonzert waren; sie waren enorm erfolgreich, und ich bearbeitete ihn die ganze Zeit über. An diesem Ort namens Loreley waren Abertausende von Menschen soweit man nur sehen konnte, man glaubte einfach, mehr Leute könne es gar nirgends geben, und wir waren der Top Act neben Bands wie Dire Straits und Police. Es begann, dunkel zu werden, und wir fingen an, "Hymn" zu spielen, und die Leute saßen sogar in den Bäumen, und überall in den Bäumen sah man all diese Lichter! Danach kam ich hinter die Bühne und ich sagte "Das alles kannst du doch nicht einfach hinter dir lassen, das kannst du nicht", aber er tat es trotzdem.

 

NL: Kommen wir zu Deiner Solo-LP, kannst Du die verwirrende Titelaufstellung etwas erläutern: Eine Veröffentlichungsliste von EMI aus dem Jahr 1973 hat vollkommen verschiedene Titel.

JOHN: Ja, das weiß ich auch nicht. Die LP wurde in etwa zwei Wochen aufgenommen, sehr schnell, als wir dann von EMI weggingen, ging sie einfach unter. Danach, Jahre später, als sie mich baten, sie auf dem Heritage Label zu veröffentlichen, hatte sie für mich jeglichen Zusammenhang verloren, deshalb ließ ich sie genau wie sie war. Ich habe mich nicht einmal darum gekümmert, und sie entwarfen dieses Cover. Das ursprüngliche Cover war absolut umwerfend, es war ein wirklich schönes Cover, und der Mann, der es damals gemalt hat, ist heute ein sehr berühmter Vogelmaler.

 

NL: Wie sah das ursprüngliche Cover aus?

JOHN: Es war dem Cover von "Gone To Earth" eigentlich sehr ähnlich, es sah aus wie ein Bild aus der Naturkunde, ein Aquarell eines Falken in der Natur. Es war ein Klappcover, und es gab ein Foto auf der Innenseite, aber ich glaube nicht, daß die LP überhaupt je so erschienen ist, das Ganze wurde einfach eingemottet.

 

NL: Würdest Du die LP gerne wieder im Handel sehen?

JOHN: Ich sehe nicht, wieso sie die Leute eigentlich haben wollen, sie ist wirklich uralt - sie klingt, als ob sie bei jemandem im Wohnzimmer aufgenommen wurde! Ich habe die Mastertapes und alles, das Album gehört praktisch mir, und ich habe zwei Angebote, es herauszubringen, aber es kommt darauf an, ob ich das will oder nicht. Ich habe mich bis jetzt weder dafür noch dagegen entschieden. Ich habe mich mit dem Mann, der das ursprüngliche Cover entworfen hat, wieder in Verbindung gesetzt, und falls es erscheinen sollte, wird es mit dem ursprünglichen Cover herauskommen. Falls ich jemanden finden könnte, der daran Interesse hätte, und ich ihn dazu bringen könnte, für die Neuabmischung zu bezahlen, wäre es das Beste.

 

NL: Gibt es andere Musik, die Du besonders magst - andere Bands oder sogar klassische Musik?

JOHN: Eigentlich mag ich alles, was Musik anbelangt, ich bin sehr leicht zufriedenzustellen! Ich höre mir Platten an und kaufe sie viele Monate, nachdem sie in den Charts waren. Jemand hat mir gerade eine CD geliehen, und jetzt werde ich sie mir kaufen, weil sie mir gefallen hat; ich hatte immer diesen Titel gehört und immer wieder zu meinem Kind im Auto gesagt "Hey, hör' Dir das mal an, das ist eine wirklich tolle Platte!" und es war "The Boys of Summer" von Don Henley. Ich wußte, daß es jemand von den Eagles war, aber das zeigt, wie sehr ich zeitlich zurück bin!

 

NL: Da wir von den Eagles sprechen, warum hast Du "Best Of My Love" aufgenommen?

JOHN: Ich meine, die Eagles waren einfach toll, ich habe alle die Platten, die sie gemacht haben. Ich mochte Eric Clapton, James Taylor in seinen Anfangstagen und dann die Eagles, und ich dachte, dieser eine Titel würde ein absoluter Hit werden. Wir arbeiteten damals mit diesem Mann namens Rodger Bain zusammen, und ich nahm in den Olympic Studios von John Kongos drei Songs für eine Single auf. Ich entschied mich für "Best Of My Love", für einen Titel von Clapton und die eigentliche B-Seite, einen Song, den ich geschrieben hatte.

 

NL: Auf dem Label steht als Verfasser "Ryder"…

JOHN: Das war meine Frau! Das war ihr Name, ehe wir heirateten, und es war in ihrem Namen, aber es war mein Song. "Best Of My Love" kam dann auch heraus, die BBC spielte den Titel und Anne Nightingale (BBC Discjockey) war darüber ganz aus dem Häuschen. Wir haben von der Plattenfirma der Eagles einen sehr freundlichen Brief bekommen, aber die Single wurde sehr schnell aus dem Handel genommen - deshalb gab es davon nur wenige Exemplare. Den Titel von Clapton konnten wir nicht nehmen, weil die Möglichkeit bestand, daß er ihn als Single veröffentlichen würde.

 

NL: Mich interessiert, welcher Titel von Clapton das war?

JOHN: Eh … "Feeling Free" - ich muß den Text singen, um auf den Titel zu kommen!* Ich nehme an, Polydor besitzt alle drei Stücke, und falls "A Major Fancy" jemals wieder erscheinen sollte, werden diese drei Titel mit drauf sein, falls es sich machen läßt, weil die Sache dadurch wirklich interessant wird. Ich habe diesen Song von Clapton nicht einmal auf Band und ich erinnere mich daran, daß er wirklich gut ist.

*(ANM. D. RED.: Dieser Titel heiß in Wirklichkeit "Please Be With Me" und stammt von Clapton's LP "461 Ocean Boulevard". Er wurde von Charles Scott Boyer geschrieben und ursprünglich von seiner Band Cowboy mit Duane Allman an der Gitarre aufgenommen. Das wissen nicht sehr viele!!)

 

NL: Würdest Du gerne ein weiteres Solo-Album machen?

JOHN: Ja. Nicht deshalb, weil ich nicht gerne in einer Gruppe spiele, aber ich glaube, es gibt da Dinge, die ich mache und über die Jahre gemacht habe, die eigentlich nicht typisch für BJH sind. Es existieren Dinge, die nicht für BJH geeignet wären und die ich nach Möglichkeit irgendwann gerne einmal aufgenommen hätte wie auf dieser einen LP. Ob ich dazu jemals die Gelegenheit bekomme, weiß ich nicht, weil es wahrscheinlich kommerziell gesehen keine Chance hätte.

 

NL: Kommen wir zu Deinen BJH Songs - "The Closed Shop" wurde als Angriff auf die Gewerkschaften verstanden, wogegen Du in "African" geschrieben hast "Sklavenarbeit, Arbeiterklasse, was sagt schon ein Name?" - haben sich Dene politischen Ansichten geändert?

JOHN: Damit wird das, was ich im Grunde beabsichtigte, falsch ausgelegt. Ich war nie gegen die Arbeiterklasse, nie gegen die Gewerkschaften; ich war dagegen, daß einzig Gewerkschaftsmitglieder beschäftigt wurden. Ich meinte, daß darin eine vernichtende Macht lag, und das denke ich heute noch. Wenn Du Dir all die Songs ansiehst, die ich in dieser Richtung geschrieben habe, sind sie alle für die Arbeiterklasse, weil ich auch dazugehöre, und man kann seinen sozialen Hintergrund nicht einfach verleugnen. Ich bin eigentlich nicht politisch engagiert, ich bin gesellschaftskritisch.

 

NL: Aber "African" war bei weitem der politisch engagierteste Song, den Du je geschrieben hast, während Deine Texte normalerweise verschiedene Auslegungen zulassen.

JOHN: Man hat mir gerade erst vorgeworfen, daß meine Texte zu offen sind! Der betreffende Song ist wirklich deutlich, es ist eine Geschichte über etwas, das auf einer unserer ersten LP's, die wir überhaupt aufgenommen haben, passiert ist. Der Song wurde in etwa zwei oder drei Stunden geschrieben es war einer der Songs, die einem einfach so einfallen; ich mußte den Text tatsächlich wegen gewisser Namen und Vorkommnisse ändern, da man glaubte, er würde amateurhaft wirken! Ich begann zu denken, daß ich jetzt vielleicht einen tiefgründigen Song schreiben sollte, und ich ging her und schrieb einen sehr abstrakten Song, und es ist einer der Titel, die wir jetzt aufgenommen haben.

 

NL: Du sagtest, daß "How Do You Feel Now" einer deiner Lieblingstitel sei - deutlicher kann man einen Song wohl kaum schreiben.

JOHN: Nein, und ich glaube, die Leute mögen das auch, aber bei gewissen Dingen versucht man eben, sie so zu verbergen, daß verschiedene Auslegungen möglich sind. "African" wurde als Folge jenes Grubenunglücks geschrieben, bei dem all diese Menschen ums Leben kamen; es mußte einfach deutlich gesagt werden, es mußte brutal sein, aber dabei handelte es sich um Sozialkritik und nicht um Politik. "Child Of The Universe" ist ein sehr sozialkritischer Song; "For No One", "Summer Soldier" und solche Songs sind auf jeder LP.

 

NL: Gibt es diesmal auch so etwas Ähnliches?

JOHN: Ja, es gibt einen Titel auf dieser LP, wir beginnen heute mit den Arrangements dafür. Er heißt "Cheap The Bullet", und wenn man will, ist es das nächste "African". Das nächste "Guitar Blues", falls wir es aufnehmen, ist ein Song mit dem Arbeitstitel "I Played John Lennon's Guitar", und das zeigt schon, wovon der Song handelt.

 

NL: Bei "He Said Love" singst Du "Er wird Euer aller Leben verändern, wenn Ihr es nur wollt". Wie hat Er Dein Leben verändert?

JOHN: Eigentlich hat Er das gar nicht, ich bin immer schon religiös gewesen. Ich denke, ich habe es da sehr gut, denn ich habe einen recht unkomplizierten Glauben und das ist gut so. Ich habe die Bibel gelesen, aber ich würde mich eigentlich nicht als wiedergeboren bezeichnen - ich nehme an, solche Leute gibt es, aber dazu könnte ich mich eigentlich nicht bekennen, da ich bereits seit meiner Kindheit immer gebetet habe.

 

NL: In "Nova Lepidoptera" hast Du viele Science Fiction Titel mit eingebracht; Liest Du viele Zukunftsromane?

JOHN: Ja, das geschah mit Absicht. Zu der Zeit las ich recht viel Science Fiction, das mache ich heute noch. Ich habe einige solche Songs geschrieben - das ist ein bestimmter Schreibstil, von dem ich weiß, daß ihn David Bowie auch oft verwendet. Was man im Grunde macht, ist, all diese Sachen wie eine Art Liste aufzuschreiben, dann schneidet man sie satzeise oder sogar wortweise auseinander und vermischt under verschiebt sie, dann legt man sie nacheinander hin und bringt sie in die richtige Reihenfolge.

 

NL: Hast Du "Titles" auch auf diese Art geschrieben?

JOHN: Nein, "Titles" schrieb ich eigentlich wie es war. Wenn Ihr Euch die Auswahl der Titel anhört, so wurden sie ausgesucht, um den Streit zwischen John Lennon und Paul McCartney deutlich zu machen. Bei den meisten Songs, die ich schreibe, entstehen Text und Musik gleichzeitig, oder es gibt eine erste Textzeile, und dann schreibe ich einen Song, der zu dieser Textzeile paßt. Manchmal schreibt man auch einen Song, bei dem nur die Musik da ist, und wenn mir dann überhaupt kein passender Text dazu einfällt, dann mache ich mir so eine Liste. "Nova Lepidoptera" handelte von Science Fiction, und ich betrachtete einfach mein Bücherregal und nahm von jedem Buchtitel etwas.

 

NL: "Paraiso Dos Cavalos" handelt vom Reiten - ist das ein Hobby von Dir?

JOHN: Nein, aber als ich in Portugal war, habe ich reiten gelernt. Mein Frau ist eine passionierte Reiterin genauso wie Les' Christine; die beiden sind fast zusammen aufgewachsen und haben sich immer für Pferde interessiert. Meine Frau hatte einen schweren Sturz; das Pferd ging durch und rannte weg, sie geriet unter das Pferd und bekam heftige Tritte ab, und das hat ihr gereicht. Als wir nach Portugal gingen, hatte sie genug Vertrauen, um wieder mit dem Reiten zu beginnen, und ich entschloß mich dazu, es auch zu lernen, und damals kam mir dann die Idee zu "Paraiso Dos Cavalos". Olwen beschäftigt sich jetzt wieder sehr mit Pferden und reitet zusammen mit Christine.

 

NL: Beim Wembley-Konzert hast Du mit "Fifties Child" angefangen und plötzlich den Text vergessen! An was hast Du da gedacht?

JOHN: Das kommt vor, es ist furchtbar. Wenn man viele Auftritte hinter sich hat, verfällt man in Routine, man fängt an, darauf zu hören, was um einen herum vorgeht, man beginnt, sich die Lightshow anzusehen, und aus irgendeinem Grund sieht man plötzlich hin - und sobald man hinsieht, reißt der Faden, und alles ist weg.

 

NL: Würdest Du gern weitere Konzerte hinter dem Eisernen Vorhang geben?

JOHN: Es war wirklich Wahnsinn, dieses Erlebnis im Treptower Park, es war absolut das Größte.

 

NL: Was ist das für ein Gefühl, vor all' diesen Leuten auf der Bühne zu stehen?

JOHN: Am schlimmsten war das erste Berlinkonzert, wir hatten große technische Probleme. Am Nachmittag lief jemand über die Bühne und warf sämtliche Gitarren um, und dadurch bohrten sich die Stege der Gitarre, die ich an dem Abend hauptsächlich spielen sollte, ins Holz. Wir konnten keinen Ersatz beschaffen, also mußten wir mit dem Instrument, das wir hatten, auskommen, es ließ sich nicht stimmen, also mußten wir bei den Stücken, bei denen diese Gitarre zu hören war, einfach so tun als ob und sie im Hintergrund halten! Natürlich mußten wir da Vieles ausgleichen, als wir die Bänder in Arbeit nahmen, und überall war dieses laute Brummen zu hören. Wir spielten beim Weeley Festival, wo auch viele Leute waren, aber wir hatten unser Orchester mit dabei und waren so hinter dieser Menschenmauer versteckt, was toll war: In Berlin waren wir ganz alleine auf der Bühne. Da fällt mir noch was ein, ich weiß noch daß eine Rampe auf die Bühne führte, und sich hinter der Bühne unendlich viele Leute herumtrieben. Simon Renshaw arbeitete damals für uns, und er bemühte sich, die Bühne für den Auftritt der Band freizubekommen, und rief einfach so laut er konnte, "Macht endlich, daß Ihr von der verdammten Rampe runtergeht, die Band kommt!" Ich ging gerade die Rampe hoch, drehte mich um und begann, wegzulaufen, und ich hörte hinter mir diese Stimme, die schrie: "Du doch nicht, du …., du gehörst doch zur Band!"!!

 

NL: Während des Konzerts wurden die Songs häufig instrumental miteinander verbunden - ich frage mich, warum Ihr das nie wieder versucht habt.

JOHN: Oh, diese Verbindungsstücke, ja. Darüber haben wir auf der letzten Tour nachgedacht. Wir wollten bei dieser Show nicht viele Einleitungen, man könnte damit ein Publikum verlieren, und die Leute, mit denen wir arbeiteten, besonders Kevin, es war seine Stärke; von ihm stammten diese wunderschönen Keyboardeffekte.

 

NL: Sucht Ihr Eure Vorgruppen selbst aus?

JOHN: Aber sicher, darum kümmern wir uns selbst. Vorgruppen als solches mögen wir eigentlich keine, darum haben wir immer einen Sänger.

 

NL: Warum verzichtet Ihr nicht ganz auf ein Vorprogramm?

JOHN: Weil es für uns zu anstrengend wäre, ein wirklich langes Konzert zu geben - es wäre für uns körperlich schwer durchzustehen, und wir haben die altmodische Ansicht, daß es zwei Acts geben sollte, damit man auch etwas für sein Geld bekommt. Roy Harper hatte es auf dem Kontinent sehr schwer, obwohl er in manchen Orten recht gut ankam. Irgendwann war es sehr enttäuscht, und wir mußten ihm oft zureden, damit er auftrat; einer der Band kam tatsächlich auf die Bühne und sagte "Hört euch diesen Mann an", weil einige seiner Stücke toll sind. Es ist schwierig, sich eine Band vorzustellen, die zu den Barclays passen würde; vor allem die Lightshow ist so auf das, was wir machen, abgestimmt, daher sind wir immer für etwas Einfaches.

 

NL: Habt Ihr jemals daran gedacht, ein Cover zu entwerfen?

JOHN: Wir haben bei recht vielen LPs tatsächlich Vorschläge für das Cover gemacht, aber im Grunde ist es besser, wenn es ein Außstehender macht, dann kann man die Sache objektiver betrachten.

 

NL: Würdest Du Deinen Kindern raten, die Musik zu ihrem Beruf zu machen?

JOHN: Das ist eine schwierige Frage, nicht wahr, es ist ein so verrückter Beruf. Für jeden, der wie ich ein Überlebender ist, gibt es viele, die nicht mehr sind, sie haben das Musikgeschäft mit ihrem Leben bezahlt. Ich glaube nicht, daß es eigentlich etwas ist, bei dem man einen Rat geben kann, es ist etwas, das sie entweder tun oder nicht. Ich würde ihnen wahrscheinlich nicht davon abraten, sondern sie nur vor den Tücken warnen.

 

NL: Kommen wir zu etwas anderem, vor Jahren hast Du erwähnt, daß Du verschiedene Haustiere hast, darunter 65 Kaninchen - hast Du die noch?

JOHN: Nein, sie veranstalteten eine Massenflucht! Jetzt haben wir drei Stück! Ich habe viele Haustiere: zwei Hühner, drei Kaninchen, drei Papageien, drei Katzen und drei Hunde!

 

NL: Wenn sich die Band vor Jahren getrennt hätte, was glaubst Du, würdest Du heute machen?

JOHN: Ich weiß es nicht, wahrscheinlich wäre ich Künstler, ich würde wahrscheinlich malen. Während der vergangenen sechs Monate habe ich einen Grundkurs für Schöne Künste belegt, und falls ich irgendwann einmal die Zeit dazu habe, werde ich mich dem ganz widmen, da ich das früher sowieso getan habe, ich ging auf die Kunstakademie.

 

NL: Und zum Schluß, wie siehst Du die Zukunft von Barclay James Harvest?

JOHN: Nun, ich glaube, wir nehmen es eigentlich alle wie es kommt. Ich dachte, daß "Face To Face" ein tolles Album war, ich glaubte, es hat wirklich funktioniert; besonders mit meinen Songs war ich sehr zufrieden, und ich meine mit dieser neuen LP müssen wir etwas abliefern, das noch besser ist und auch bei anderen Leuten als den hartgesottenen BJH Fans ankommt. Wir haben bei der Plattenfirma Leute, die wieder an die Band glauben; der Präsident ist von dem, was er gehört hat, wirklich begeistert, also macht uns das Mut. Wir müssen den britischen und den amerikanischen Markt erobern, um wieder einen positiven Schritt nach vorn zu tun, und das können wir nur schaffen, indem wir ein absolut unglaubliches Album machen.


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